Der Rechte Rand







„Der Rechte Rand“

Die 60 Ausgaben und zwei Sonderhefte von »Der Rechte Rand« aus den Jahren 1989 bis 1999 bilden eine politische Chronik jenes Jahrzehnts, in dem sich der deutsche Faschismus neu organisierte, modernisierte und immer tiefer in die gesellschaftliche Normalität einschrieb. Verfolgt werden der Aufstieg der von Franz Schönhuber geführten Republikaner, Gerhard Freys DVU und der NPD ebenso wie die Aktivitäten der FAP, der Nationalistischen Front, der Wiking-Jugend, militanter Kameradschaften und der terroristischen »Anti-Antifa«. Die Beiträge dokumentieren rassistische Mobilisierungen, rechte Wahlerfolge, bewaffnete Netzwerke, Neonazimusik, völkische Sekten, Burschenschaften, Vertriebenenverbände und eine Publizistik, die Nationalismus, Antisemitismus und Geschichtsrevisionismus unter bürgerlicher Tarnung verbreitete. Zugleich zeigen die Berichte über Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Lübeck, dass die tödliche Gewalt nicht aus einem gesellschaftlichen Vakuum hervorbrach. Die Zerschlagung der DDR, Massenarbeitslosigkeit, soziale Unsicherheit und der Abbau öffentlicher Leistungen wurden genutzt, um Wut und Abstiegsangst gegen Migranten und Flüchtlinge zu richten. CDU/CSU, staatliche Behörden und große Medien verschärften durch nationalistische Kampagnen und die Aushöhlung des Asylrechts jenes Klima, in dem die Täter sich als Vollstrecker einer verbreiteten Stimmung verstehen konnten. Sichtbar werden personelle, ideologische und materielle Verbindungen zwischen Neonazis, konservativen Parteien, Polizei, Justiz, Verfassungsschutz, Bundeswehr, Universitäten, Kirchen, Medien und wirtschaftlichen Machtgruppen. Milde Urteile, V-Leute, die Kriminalisierung antifaschistischer Arbeit und die staatliche Pflege von Wehrmachts- und Großmachttraditionen erscheinen dabei nicht als zufällige Fehlleistungen, sondern als Ausdruck politischer Kräfteverhältnisse. Bis zum NATO-Krieg gegen Jugoslawien und zur Osterweiterung des westlichen Militärbündnisses zeichnen die Ausgaben zugleich nach, wie Nationalismus, Militarisierung und deutsche Expansionspolitik erneut zusammengeführt wurden. Die Chronik widerlegt damit die bequeme Behauptung, Faschismus komme von einem isolierten »Rand« der Gesellschaft. Er wächst aus kapitalistischer Krise, Konkurrenz und sozialer Spaltung, wird von herrschenden Kräften gefördert oder geduldet und gegen Arbeiter, Erwerbslose, Migranten und politische Gegner eingesetzt. Ebenso beharrlich dokumentiert die Zeitschrift jedoch Aufklärung, Selbstorganisation und antifaschistischen Widerstand. Ihre bleibende Lehre lautet: Wo die materiellen Ursachen, staatlichen Helfer und gesellschaftlichen Nutznießer des Faschismus unangetastet bleiben, genügt moralische Empörung nicht. Erforderlich ist ein organisierter, solidarischer Kampf gegen seine Strukturen und gegen die Ordnung, die sie immer wieder hervorbringt.

Links:


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

44 Prozent für die falsche Revolte

Von der GESTAPO zum bundesdeutschen Geheimdienst

Wenn der Sport für den Krieg marschiert