Die Revolution in der Zange Folge 3 der Serie „Kuba – Revolution unter Belagerung“
Die Revolution in der Zange
Folge 3 der Serie „Kuba – Revolution
unter Belagerung“
Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion
kämpft Kuba nicht nur gegen die US-Blockade, sondern auch gegen die
Widersprüche seiner eigenen wirtschaftlichen Entwicklung. Die Marktöffnungen
der 1990er Jahre waren eine Notmaßnahme zum Überleben. Sie brachten jedoch
soziale Ungleichheit, private Kapitalbildung und neue Abhängigkeiten hervor.
Heute verschärfen US-Sanktionen, Devisenmangel, Energiekrise und strukturelle
Schwächen einander. Wer die Lage allein als Versagen der kubanischen Regierung
darstellt, verschweigt die wirtschaftliche Kriegsführung Washingtons. Wer
dagegen jedes innere Problem ausschließlich mit der Blockade erklärt, verkennt
den Klassenkampf, von dessen Ausgang die Zukunft der Revolution abhängt.
Der Absturz nach 1990
Mit dem Zerfall der Sowjetunion und des
Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe verlor Kuba seine wichtigsten
Handelspartner, Kreditgeber und Lieferanten. Rund 85 Prozent der
Außenwirtschaftsbeziehungen brachen weg. Maschinen, Treibstoffe, Düngemittel, Futtermittel
und Ersatzteile fehlten. Zugleich verschwanden die garantierten Absatzmärkte
für Zucker und andere Exportprodukte.
Zwischen 1990 und 1993 sank die
Wirtschaftsleistung um annähernd 40 Prozent. Industriebetriebe schränkten ihre
Produktion ein oder stellten sie ein. In der Landwirtschaft konnten Traktoren
und Erntemaschinen wegen fehlender Ersatzteile und Treibstoffe kaum eingesetzt
werden. Die Milchproduktion ging zeitweise um bis zu 80 Prozent zurück. Der
öffentliche Verkehr brach ein, Stromabschaltungen bestimmten den Alltag und die
Lebensmittelversorgung verschlechterte sich dramatisch.
Dieser Einbruch war keine gewöhnliche
kapitalistische Rezession. Kuba verlor nahezu gleichzeitig die wirtschaftlichen
Verbindungen, auf denen seine Produktionsstruktur beruhte. Die Konzentration
auf Zucker rächte sich, während eine vielfältige eigene Industrie und
Landwirtschaft fehlte.
Die Regierung erklärte die „Sonderperiode
in Friedenszeiten“. Transporte, Stromversorgung und Produktion wurden auf ein
Minimum reduziert. Fahrräder und von Tieren gezogene Wagen ersetzten Busse,
Lastwagen und landwirtschaftliche Maschinen. Die Bevölkerung musste ihren
Verbrauch drastisch einschränken.
Anders als beim kapitalistischen
Krisenmanagement wurden die Kosten jedoch nicht ausschließlich auf Erwerbslose,
Rentner und Arme abgewälzt. Löhne wurden weitergezahlt, obwohl viele Betriebe
kaum produzierten. Schulen, Universitäten und Krankenhäuser blieben geöffnet.
Niemand verlor seine Wohnung, weil er die Miete nicht bezahlen konnte. Die
Versorgung verschlechterte sich für fast alle, doch der Staat hielt am Schutz
grundlegender sozialer Einrichtungen fest.
Der Mangel wurde damit in erheblichem
Umfang vergesellschaftet. Das bedeutete keineswegs gleiche Lebensbedingungen.
Funktionäre, Schwarzmarkthändler und Menschen mit Zugang zu ausländischen
Devisen hatten Vorteile. Dennoch kam es nicht zu jener offenen Massenverelendung,
die in vielen kapitalistischen Ländern auf Wirtschaftskrisen folgt.
Washington verschärft die Schlinge
Die Vereinigten Staaten betrachteten Kubas
Krise nicht als Anlass zur Entspannung. US-Präsident George H. W. Bush und
seine Regierung sahen die Gelegenheit, den seit 1959 angestrebten Systemwechsel
zu erzwingen. Der wirtschaftliche Zusammenbruch sollte in einen politischen
Umsturz verwandelt werden.
1992 verschärfte der Cuban Democracy Act,
das Torricelli-Gesetz, die Blockade. Tochtergesellschaften von US-Unternehmen
in anderen Staaten durften nicht mehr mit Kuba handeln. Schiffe, die kubanische
Häfen anliefen, mussten Einschränkungen beim späteren Zugang zu US-Häfen
befürchten. Washington dehnte damit seine Gesetzgebung auf Unternehmen und
Verkehrswege außerhalb des eigenen Staatsgebiets aus.
1996 folgte das Helms-Burton-Gesetz unter
Präsident Bill Clinton. Es schrieb die Blockade gesetzlich fest und verstärkte
ihren extraterritorialen Charakter. Ausländische Unternehmen, Banken und
Investoren sollten von Geschäften mit Kuba abgeschreckt werden. Die
US-Regierung beanspruchte faktisch das Recht, weltweit über Kubas Handel zu
bestimmen.
Die Blockade ist deshalb mehr als ein
bilaterales Handelsembargo. Washington bedroht auch Unternehmen aus
Drittstaaten mit Strafen, dem Verlust des US-Marktzugangs oder rechtlichen
Verfahren. Ziel war, die Versorgungskrise zu verschärfen und den Eindruck zu
erzeugen, die kubanische Gesellschaftsordnung sei aus eigener Unfähigkeit
zusammengebrochen. Mangel, Erschöpfung und Zukunftsangst sollten einen Aufstand
erzwingen.
Marktöffnung als Notoperation
Um den völligen Zusammenbruch zu
verhindern, legalisierte die kubanische Regierung 1993 den Besitz von
US-Dollar. Private Kleinbetriebe wurden in mehr als hundert Berufen zugelassen.
Familienrestaurants, Handwerksbetriebe und persönliche Dienstleistungen
entstanden. Bauernmärkte erhielten größere Spielräume, Genossenschaften
begrenzte Rechte zur Selbstverwaltung.
Zugleich öffnete sich das Land für
Gemeinschaftsunternehmen mit ausländischem Kapital. Der Tourismus wurde
ausgebaut, weil er schnell Devisen einbringen konnte. Auch Nickelabbau und
Energieproduktion wurden für ausländische Investitionen geöffnet. Kubanische
Unternehmen durften einen Teil ihrer Deviseneinnahmen selbst verwalten.
Diese Reformen waren keine Rückkehr zum
kapitalistischen Entwicklungsmodell, sondern eine Notoperation. Der Staat
behielt die Kontrolle über entscheidende Wirtschaftsbereiche. Bildung,
Gesundheit und große Infrastrukturunternehmen blieben öffentlich. Dennoch
veränderte die Marktöffnung die gesellschaftlichen Beziehungen.
Wer im Tourismus arbeitete, ein Zimmer
vermietete oder Überweisungen aus dem Ausland erhielt, verfügte über Devisen
und damit über Zugang zu Waren, die mit dem normalen Peso kaum erhältlich
waren. Ärzte, Lehrer, Wissenschaftler und Industriearbeiter konnten trotz hoher
Qualifikation materiell schlechter dastehen als Beschäftigte in Hotels,
Restaurants und privaten Dienstleistungen.
Es entstand ein Widerspruch zwischen
gesellschaftlichem Nutzen und individuellem Einkommen. Tätigkeiten für
Gesundheit, Bildung und Produktion wurden ökonomisch abgewertet, während der
Kontakt zu Touristen oder Verwandten im Ausland materielle Vorteile versprach.
Die neue Ungleichheit
Die Freigabe des Dollars schuf eine neue
soziale Trennlinie. Ein Teil der Bevölkerung erhielt Devisen, ein anderer blieb
auf Peso-Einkommen angewiesen. Besonders benachteiligt waren alte Menschen,
Bewohner ländlicher Gebiete und viele Schwarze.
Diese Ungleichheit hatte historische
Ursachen. Unter den Kubanern, die nach der Revolution in die USA gegangen
waren, befanden sich überdurchschnittlich viele Angehörige der früher
privilegierten weißen Schichten. Ihre Verwandten auf der Insel erhielten deshalb
häufiger Überweisungen aus Miami. Die rassistische Eigentumsverteilung der
vorrevolutionären Gesellschaft wirkte über Familienbeziehungen und
Devisenzuflüsse erneut fort.
Der Staat versuchte, den Schwarzmarkt zu
begrenzen und Devisen abzuschöpfen. Doch das doppelte Währungssystem
verfestigte sich. Neben dem kubanischen Peso wurde der konvertible Peso
eingeführt, dessen Wert an den US-Dollar gebunden war. Für Unternehmen galten
teilweise künstliche Wechselkurse, die Kosten und Produktivität nicht
realistisch abbildeten.
Staatsbetriebe mit eigenen Deviseneinnahmen
wurden bevorzugt. Importe konnten rechnerisch günstiger erscheinen als im
Inland hergestellte Produkte. Eine verlässliche Bewertung wirtschaftlicher
Leistung wurde schwieriger. Was als vorübergehende Krisenmaßnahme gedacht war,
entwickelte sich zu einem dauerhaften System mit eigenen Interessengruppen.
Die Revolution hatte die alte besitzende
Klasse enteignet. Nun bildeten sich unter neuen Bedingungen wieder Gruppen
heraus, die über Geld, Geschäftskontakte und private Verwertungsmöglichkeiten
verfügten. Die Entwicklung blieb begrenzt, zeigte aber: Marktbeziehungen sind
kein neutrales Werkzeug. Sie erzeugen Gewinner, Verlierer und Interessen, die
nach weiterer privater Verfügung streben.
Überleben ohne sozialen Kahlschlag
Ab Mitte der 1990er Jahre stabilisierte
sich die Wirtschaft teilweise. Tourismus, Nickelabbau und
Gemeinschaftsunternehmen brachten Devisen. Der Peso erholte sich, und eine
teilweise Dezentralisierung der Landwirtschaft verbesserte zusammen mit
privaten und genossenschaftlichen Märkten stellenweise das Angebot.
Kuba hielt an seinen sozialen Einrichtungen
fest. Auch im ärmsten Dorf blieben Schulen und medizinische Behandlungsstellen
bestehen. Das Gesundheitssystem arbeitete mit knapper technischer Ausstattung,
wurde aber nicht privatisiert. Die Versorgung von Schwangeren und Kindern
behielt besondere Bedeutung. Universitäten und kulturelle Einrichtungen wurden
nicht geschlossen.
Weil importierte Medikamente und
medizinische Geräte fehlten, wurden Naturheilmittel und eigene
biotechnologische Produkte entwickelt. Kuba stellte Impfstoffe und Arzneimittel
her und erreichte in Teilen der medizinischen Industrie einen hohen Selbstversorgungsgrad.
Diese Leistungen dürfen die Härte des
Alltags nicht verdecken. Versorgung und öffentlicher Verkehr blieben
unzureichend, die Infrastruktur verfiel. Prostitution, Schwarzmarkt und
Korruption nahmen zu. Viele Beschäftigte mussten zusätzliche Tätigkeiten aufnehmen,
um ihre Familien zu versorgen.
Dennoch widerlegte Kuba die Erwartung, eine
sozialistische Gesellschaft müsse nach dem Ende der Sowjetunion zwangsläufig
verschwinden. Die Krise führte nicht zur massenhaften Privatisierung von
Krankenhäusern, Schulen, Energieversorgung und Bodenschätzen. Die
gesellschaftlichen Kernbereiche blieben dem direkten Zugriff privaten Kapitals
entzogen.
Venezuela und die Rückkehr regionaler Zusammenarbeit
Mit den politischen Veränderungen in
Lateinamerika entstanden zu Beginn des 21. Jahrhunderts neue
Handlungsmöglichkeiten. Besonders wichtig wurde die Zusammenarbeit mit
Venezuela unter Präsident Hugo Chávez. Kuba entsandte medizinisches Personal,
während Venezuela Erdöl lieferte. Statt eines durch Konzernprofite bestimmten
Tauschs entstand eine Vereinbarung, die sich an den Möglichkeiten und
Bedürfnissen beider Länder orientierte.
Kubanische Ärzte arbeiteten in armen
Stadtvierteln und ländlichen Regionen, die zuvor kaum medizinisch versorgt
worden waren. Kuba erhielt im Gegenzug dringend benötigten Treibstoff. Die
Zusammenarbeit verband soziale Entwicklung mit dem Versuch, die US-Vorherrschaft
über die Region zurückzudrängen.
Auch die Kooperation mit anderen
lateinamerikanischen Staaten nahm zu. Kuba blieb nicht auf die Rolle eines
hilfsbedürftigen Empfängers beschränkt. Trotz geringer materieller Mittel
verfügte das Land über eine gesellschaftlich geschaffene Produktivkraft:
Zehntausende gut ausgebildete Ärzte, Lehrer und Fachkräfte.
Die medizinischen Brigaden machten
sichtbar, was eine andere Verwendung gesellschaftlichen Reichtums ermöglicht.
Während kapitalistische Gesundheitskonzerne zahlungsfähige Märkte suchen,
entsandte Kuba Personal in Regionen, in denen Hilfe benötigt wurde. Dieser
Internationalismus blieb auch während eigener Krisen Bestandteil kubanischer
Politik.
Reformen ohne sicheren Ausgang
Seit 2011 verfolgt Kuba unter Präsident
Raúl Castro einen neuen Prozess wirtschaftlicher Reformen. Genossenschaften
wurden auch außerhalb der Landwirtschaft zugelassen, private
Beschäftigungsmöglichkeiten erweitert und Staatsunternehmen mit größerer Autonomie
ausgestattet. Gemeinden sollten mehr Verantwortung erhalten, um lokale Probleme
schneller zu lösen.
Der Staat reagierte damit auf geringe
Produktivität, bürokratische Erstarrung und die begrenzte Fähigkeit zentraler
Behörden, alle wirtschaftlichen Entscheidungen zu treffen. Unternehmen sollten
Kosten und Einnahmen stärker berücksichtigen, Exporte selbst organisieren und
einen Teil ihrer Gewinne für Investitionen behalten.
Die Reformen sollten die Planung nicht
abschaffen, sondern leistungsfähiger machen. Doch die Grenze zwischen
kontrollierter Marktnutzung und wachsender Marktherrschaft ist nicht eindeutig.
Je stärker Betriebe ihre Entscheidungen an Rentabilität ausrichten, desto
größer wird der Druck, soziale Aufgaben als Kosten zu behandeln.
Auch der private Sektor entwickelte sich
widersprüchlich. Einige kleine und mittlere Unternehmen verbesserten das
Warenangebot, reparierten Gebäude oder schufen Dienstleistungen, die staatliche
Stellen nicht mehr ausreichend bereitstellen konnten. Andere konzentrierten
sich auf Handel und Import, ohne nennenswerte neue Produktion zu schaffen.
Wucherpreise, Steuerhinterziehung und private Kapitalanhäufung breiteten sich
aus.
Die neue Unternehmerschicht hat andere
Interessen als Beschäftigte staatlicher Betriebe, Rentner oder Familien ohne
Devisenzugang. Sie profitiert von höheren Preisen und größerer wirtschaftlicher
Freiheit. Damit kehren offene Klassenunterschiede in eine Gesellschaft zurück,
die sie nie vollständig überwunden, aber jahrzehntelang stark begrenzt hatte.
Währungsreform, Pandemie und Inflation
Zum 1. Januar 2021 wurde unter Präsident
Miguel Díaz-Canel der konvertible Peso abgeschafft. Für die gesamte Wirtschaft
sollte ein einheitlicher Wechselkurs von 24 kubanischen Pesos je US-Dollar
gelten. Gleichzeitig wurden Löhne und Renten angehoben und zahlreiche
Subventionen reduziert.
Die Reform sollte verzerrte betriebliche
Berechnungen beenden und sichtbar machen, welche Unternehmen tatsächlich
wirtschaftlich arbeiteten. Doch höhere Löhne verbesserten die
Lebensverhältnisse nicht, wenn Waren fehlten und Preise schneller stiegen. Die
Inflationsgefahr war erheblich.
Erschwerend kam die Coronapandemie hinzu.
Der Tourismus brach ein, die Importe lagen 2020 rund 40 Prozent unter den
Planziffern. Fehlende Futter- und Düngemittel trafen die Landwirtschaft,
während Treibstoff, Lebensmittel und medizinisches Material knapper wurden.
Zugleich musste Kuba große Mittel in die
Entwicklung eigener Impfstoffe lenken. Das Land konnte sich nicht darauf
verlassen, auf dem von reichen Staaten und Pharmakonzernen beherrschten Markt
ausreichend versorgt zu werden. Eigene Forschung wurde damit erneut zu einer
Frage nationaler Souveränität.
Währungsreform, Pandemie, Importausfälle
und Sanktionen verschärften die soziale Differenzierung. Beschäftigte mit
staatlichen Löhnen verloren Kaufkraft. Private Anbieter konnten ihre Preise an
Devisenkurs und Schwarzmarkt anpassen. Wer Dollar oder andere ausländische
Währungen besaß, war erneut im Vorteil.
Trumps 243 Maßnahmen
Während seiner ersten Amtszeit verschärfte
US-Präsident Donald Trump die Blockade mit 243 zusätzlichen Maßnahmen. Sie
zielten auf Tourismus, Überweisungen, Schiffsverkehr, Banken und ausländische
Investitionen. Kreuzfahrten und Flugverbindungen wurden eingeschränkt,
Reiseveranstalter und Hotelunternehmen unter Druck gesetzt.
Im Mai 2019 aktivierte die US-Regierung
Kapitel III des Helms-Burton-Gesetzes. Ausländische Investoren konnten vor
US-Gerichten verklagt werden, wenn ihre Geschäfte Eigentum berührten, das nach
der Revolution verstaatlicht worden war. Ansprüche ehemaliger Großgrundbesitzer
und Unternehmer wurden so zum Instrument gegen die heutige kubanische
Wirtschaft.
Internationale Banken mussten noch stärker
mit Sanktionen rechnen. Viele Institute lehnten selbst legale Transaktionen ab,
weil sie einen Konflikt mit den Vereinigten Staaten fürchteten. Überweisungen
wurden blockiert, Konten geschlossen und Versicherungen verteuert. Kuba musste
Zahlungen über Umwege und Drittwährungen organisieren, was jede Einfuhr
verteuerte.
Im Januar 2021 setzte Trump Kuba erneut auf
die US-Liste der Staaten, die angeblich den Terrorismus unterstützen. Die
Entscheidung erfolgte kurz vor dem Ende seiner Amtszeit und hatte schwere
finanzielle Folgen. Banken und Versicherungen behandelten alltägliche Geschäfte
nun als besonderes Risiko.
Die Blockade wirkt damit nicht nur durch
verbotene Warenlieferungen. Sie greift in Kreditkosten, Zahlungswege,
Schiffsverbindungen und Investitionsentscheidungen ein. Selbst Unternehmen, die
mit Kuba handeln wollen, ziehen sich aus Angst vor US-Sanktionen zurück.
Wenn der Strom ausfällt
Die Energiekrise macht die Folgen dieser
Politik im Alltag sichtbar. Kubas Wärmekraftwerke sind überaltert und
störanfällig. Ersatzteile fehlen, Generalüberholungen verzögern sich und
Brennstofflieferungen reichen nicht aus. Stromabschaltungen dauern teilweise
viele Stunden.
Ohne Elektrizität funktionieren
Wasserpumpen, Kühlung und Kommunikationsmittel nur eingeschränkt. Lebensmittel
verderben, medizinische Geräte fallen aus und nächtliche Hitze wird zur
Gesundheitsgefahr. Fehlender Treibstoff beeinträchtigt Busverkehr, Landwirtschaft,
Müllabfuhr und Warenverteilung.
Nicht jede Störung wird unmittelbar durch
eine einzelne Sanktion verursacht. Verschobene Wartungen, unzureichende
Investitionen, Planungsfehler und ineffiziente Verwaltungsstrukturen tragen zur
Krise bei. Doch die Blockade verschärft jedes dieser Probleme. Sie verteuert
Ersatzteile, verhindert Kredite, schreckt Lieferanten ab und zwingt Schiffe zu
kostspieligen Umwegen.
Die verantwortlichen US-Politiker kennen
diese Wirkung. Wenn Treibstofflieferungen verfolgt und Reedereien bedroht
werden, zielt die Maßnahme auf Verkehr, Stromerzeugung und
Lebensmittelversorgung. Wirtschaftliche Kriegsführung erscheint in juristischer
Form, trifft aber Haushalte, Krankenhäuser und Arbeitsplätze.
Angriff auf Gesundheit und Alltag
Besonders schwer wiegen die Folgen für das
Gesundheitswesen. Mehr als 69 Prozent der grundlegenden Medikamente sind von
den Auswirkungen der Blockade betroffen. Medizinische Ausrüstung und
Spezialtechnologien können nicht oder nur über teure Umwege beschafft werden.
Mehr als 94.000 Menschen warten auf
Operationen, darunter fast 10.000 Kinder. Zu ihnen gehören Tausende
Krebspatienten. Behandlungen werden verschoben, weil Medikamente,
Verbrauchsmaterial oder technische Komponenten fehlen. Patienten müssen
teilweise selbst medizinisches Material beschaffen, während Arzneimittel auf
dem Schwarzmarkt gehandelt werden.
Damit wird eine zentrale Errungenschaft der
Revolution angegriffen. Das Recht auf Behandlung bleibt formal bestehen, kann
aber materiell immer weniger eingelöst werden. Wo öffentliche Einrichtungen
nicht liefern können, entscheidet erneut die private Zahlungsfähigkeit über den
Zugang.
Diese Entwicklung ist weder ein Argument
für Privatisierung noch ein Grund, die Krise zu beschönigen. Sie zeigt, wie
äußere Belagerung und innere Marktbeziehungen ineinandergreifen. Die Blockade
erzeugt Knappheit; der Schwarzmarkt verteilt knappe Güter nach Kaufkraft.
Menschen mit Devisen können sich versorgen, während Beschäftigte mit regulären
Löhnen zurückbleiben.
Energieautonomie als Überlebensfrage
Kuba versucht, die Abhängigkeit von
importiertem Öl durch erneuerbare Energien zu verringern. Photovoltaikparks
wurden errichtet, weitere Anlagen sind geplant. Investiert wird außerdem in
Energiespeicherung, Biogas, Biomasse, Wasserkraft sowie die Förderung
heimischer Öl- und Gasvorkommen.
Solaranlagen sollen nicht nur große Netze
speisen. Kleinere Anlagen werden in abgelegenen Gemeinden, Polikliniken,
Altenheimen, Betreuungseinrichtungen und Haushalten mit kranken Kindern
installiert. Beschäftigte im Bildungs- und Gesundheitswesen sollen bei der
Verteilung an Privathaushalte bevorzugt werden.
Die Zusammenarbeit mit China unter
Präsident Xi Jinping spielt dabei eine wachsende Rolle. Chinesische Kredite und
Zuschüsse unterstützen Häfen, Kraftwerke, Solaranlagen, medizinische
Einrichtungen und Schulen. China stellte zudem Photovoltaikanlagen, Reis und
finanzielle Soforthilfe bereit.
Direkte Transaktionen in anderen Währungen
und neue Finanzierungswege sollen die Abhängigkeit vom US-dominierten
Zahlungssystem verringern. Solche Kooperationen schaffen Spielräume, ersetzen
aber nicht die Entwicklung der eigenen landwirtschaftlichen und industriellen
Basis.
Energieautonomie ist kein technisches
Nebenprojekt. Ohne verlässliche Stromversorgung können Produktion,
Gesundheitssystem und öffentlicher Verkehr nicht funktionieren. Jede selbst
erzeugte Kilowattstunde verringert die Möglichkeit Washingtons, Öllieferungen
als politische Waffe einzusetzen.
Die Revolution entscheidet sich im Inneren
Der äußere Gegner ist klar erkennbar.
Schwieriger ist die Auseinandersetzung um den inneren Kurs. Private Unternehmen
können Versorgungslücken schließen, zugleich aber neue Kapitalmacht
hervorbringen. Autonome Staatsbetriebe können Initiative entfalten, zugleich
soziale Aufgaben zugunsten der Rentabilität vernachlässigen.
Die Alternative lautet daher nicht schlicht
Staat oder Markt. Ein bürokratisch gelenkter Staatsbetrieb handelt nicht
automatisch im Interesse der Beschäftigten. Ein privates Unternehmen wird nicht
dadurch gesellschaftlich nützlich, dass es unter schwierigen Bedingungen Waren
anbietet. Entscheidend ist, wer über Produktion, Preise, Investitionen und
Überschüsse verfügt.
Die kubanische Verfassung hält am Vorrang
gesellschaftlichen Eigentums, der Planung und des sozialistischen
Staatsbetriebs fest. Sie sieht zugleich die Beteiligung der Beschäftigten an
Planung, Leitung und Kontrolle vor. Ob dieser Anspruch praktisch durchgesetzt
wird, ist eine Machtfrage.
Soll die wirtschaftliche Erneuerung nicht
in eine schleichende Restauration führen, müssen Arbeiter, Bauern und Bewohner
der Gemeinden tatsächlich über die Verwendung der Ressourcen entscheiden
können. Bürokratische Anweisungen von oben reichen ebenso wenig aus wie die
Hoffnung auf private Unternehmer. Ohne demokratische Kontrolle von unten kann
sich sowohl in staatlichen Apparaten als auch im Privatsektor eine Schicht
verselbstständigen, deren Interessen denen der Mehrheit entgegenstehen.
Gerade unter dem Druck der Blockade ist
offene Diskussion notwendig. Kritik an Fehlplanung, Korruption, Ungleichheit
und Privilegien schwächt die Revolution nicht. Sie schwächt jene Kräfte, die
gesellschaftliches Eigentum in eine Quelle privater Vorteile verwandeln wollen.
Ein Land, das sich nicht unterwerfen lässt
Viele junge und gut ausgebildete Kubaner
haben die Insel verlassen. Stromausfälle, niedrige Einkommen, fehlende Waren
und geringe persönliche Perspektiven erzeugen Erschöpfung. Der Verlust von
Arbeitskräften verschärft wiederum die Probleme in Kraftwerken, Krankenhäusern,
Schulen und Verkehrsbetrieben.
Dennoch hat die kubanische Gesellschaft
ihre sozialen und politischen Grundlagen nicht preisgegeben. Bildung und
Gesundheit gelten weiterhin als öffentliche Rechte. Die entscheidenden
Großunternehmen befinden sich in gesellschaftlichem Eigentum. Nationale
Unabhängigkeit bleibt eng mit der Verteidigung dieser Ordnung verbunden.
Kuba setzt seine internationale
medizinische Zusammenarbeit fort. Selbst während der Pandemie arbeiteten
kubanische Brigaden in Europa, Lateinamerika und anderen Regionen. Ein Land,
dem Medikamente und Finanztransaktionen verweigert werden, entsendet weiterhin
Ärzte dorthin, wo Menschen Hilfe benötigen.
Die Blockade wird von der großen Mehrheit
der Staaten regelmäßig verurteilt. Dennoch bleibt sie bestehen, weil
internationale Rechtsnormen dort wenig gelten, wo sie den Interessen der
stärksten Macht widersprechen. Washington kann Kuba nicht wegen militärischer
Bedrohung bekämpfen. Die Insel ist gefährlich, weil sie zeigt, dass ein kleines
Land sich dem Anspruch des US-Kapitals auf Eigentum und politische Verfügung
entziehen kann.
Kuba ist weder ein widerspruchsfreies
Vorbild noch das gescheiterte Zerrbild westlicher Propaganda. Es ist eine
belagerte Gesellschaft, in der um die Richtung der Entwicklung gerungen wird.
Auf der einen Seite stehen Kräfte, die öffentliche Versorgung, gesellschaftliches
Eigentum und nationale Souveränität verteidigen. Auf der anderen wachsen
private Kapitalinteressen, soziale Ungleichheit und der Druck des Weltmarkts –
flankiert von einer Großmacht, die seit mehr als sechs Jahrzehnten auf
Unterwerfung setzt.
Die Zukunft der Revolution wird deshalb
nicht allein in Washington und auch nicht ausschließlich in staatlichen
Leitungsgremien entschieden. Sie hängt davon ab, ob die kubanischen
Beschäftigten ihre Rolle als Träger gesellschaftlicher Macht tatsächlich ausüben
können. Nur wenn Produktion und Verteilung sichtbar ihren Bedürfnissen dienen,
kann die Revolution äußerem Druck und innerer Erosion zugleich widerstehen.
Die zentrale Frage der kubanischen
Geschichte bleibt: Wer verfügt über das Land und den von seinen Menschen
geschaffenen Reichtum? Plantagenbesitzer, Konzerne und Spekulanten – oder
diejenigen, die arbeiten, produzieren, lehren, pflegen und das gesellschaftliche
Leben aufrechterhalten? Kuba hat diese Frage 1959 beantwortet. Unter den
Bedingungen der heutigen Belagerung muss die Antwort jeden Tag neu durchgesetzt
werden.

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