Chile 1973: Der Militärputsch und die US-Intervention gegen Allende
Chile 1973: Der Militärputsch und die US-Intervention gegen Allende
Am 11. September 1973
stürzte das chilenische Militär die demokratisch legitimierte Regierung
Salvador Allendes. Allende starb während des Angriffs auf den Präsidentenpalast
La Moneda durch Suizid. Sein Tod war jedoch die unmittelbare Folge des
militärischen Staatsstreichs. Die zentrale Frage lautet daher nicht nur, wie
Allende starb, sondern auch, welche Rolle die Vereinigten Staaten und
insbesondere die CIA bei der Destabilisierung Chiles spielten.
Die CIA führte den Putsch vom 11. September 1973 nicht nachweislich selbst durch. Die militärische Operation lag in den Händen der chilenischen Streitkräfte. Diese Feststellung darf jedoch nicht zur Entlastung der USA dienen. Washington war nicht bloß Zuschauer einer innerchilenischen Krise. Die US-Regierung und ihre Geheimdienste arbeiteten seit Jahren daran, die Regierung Allende zu verhindern, zu schwächen und schließlich durch eine antikommunistische Militärherrschaft zu ersetzen. Die CIA unterstützte oppositionelle Kräfte, förderte wirtschaftlichen Druck, finanzierte Medienkampagnen und unterhielt Kontakte zu chilenischen Militärs. Sie war damit ein aktiver Bestandteil der politischen und wirtschaftlichen Konterrevolution gegen die Unidad Popular.
Der Putsch war deshalb weder ausschließlich ein von außen
gesteuerter US-amerikanischer Vorgang noch ein rein innerchilenisches Ereignis.
Die unmittelbaren Täter waren chilenische Generäle, Soldaten und
Sicherheitskräfte. Die USA schufen jedoch über Jahre hinweg Bedingungen, unter
denen der Sturz der Regierung möglich und für die herrschenden Klassen
durchsetzbar wurde. Die CIA war dabei das wichtigste Instrument der verdeckten
Intervention.
Allendes Wahlsieg und die Reaktion Washingtons
Salvador Allende gewann die Präsidentschaftswahl im
September 1970 mit rund 36 Prozent der Stimmen. Da er keine absolute Mehrheit
erreicht hatte, musste der Kongress seine Wahl bestätigen. Nach dieser
Bestätigung trat er im November 1970 sein Amt an. Die Unidad Popular, ein
Bündnis aus Sozialisten, Kommunisten und weiteren linken Parteien, wollte
innerhalb der bestehenden Verfassungsordnung einen Übergang zum Sozialismus
einleiten.
Dieses Programm bedrohte nicht nur einzelne Unternehmen,
sondern die gesellschaftliche Stellung der chilenischen Bourgeoisie und
ausländischer Konzerne. Die Regierung verstaatlichte den Kupferbergbau,
erweiterte die staatliche Kontrolle über Banken und Industrieunternehmen und
beschleunigte die Agrarreform. Damit wurde die Eigentumsfrage zum Zentrum des
politischen Konflikts. Wer über Kupferminen, Banken, Fabriken und Land
verfügte, verfügte auch über die wirtschaftliche Zukunft des Landes.
Für die USA war Chile deshalb nicht bloß ein
innenpolitischer Konfliktfall. Washington befürchtete, dass ein demokratisch
gewähltes sozialistisches Regierungsprojekt in Lateinamerika als Vorbild wirken
könnte. Gerade seine demokratische Legitimation machte es politisch gefährlich:
Es zeigte, dass ein sozialer und wirtschaftlicher Umbau auch auf
parlamentarischem Weg versucht werden konnte. Die US-Regierung verteidigte
daher nicht abstrakt die Demokratie, sondern die bestehende Eigentumsordnung.
Die CIA soll Allendes Amtsantritt verhindern
Bereits am 15. September 1970 traf US-Präsident Richard
Nixon mit CIA-Direktor Richard Helms und Sicherheitsberater Henry Kissinger
zusammen. Helms hielt in seinen Notizen fest, dass Nixon Allendes Amtsübernahme
verhindern wollte. Die CIA erhielt den Auftrag, alle verfügbaren Mittel
einzusetzen. Dazu gehörten politischer Druck, wirtschaftliche Maßnahmen und
Kontakte zu chilenischen Militärs.
Die US-Regierung verfolgte zwei Strategien. Der sogenannte
„Track I“ sollte auf politischem Weg verhindern, dass der Kongress Allende
bestätigte. Der „Track II“ zielte auf eine militärische Lösung. Die CIA nahm
Kontakt zu Offizieren auf, die bereit waren, gegen die verfassungsmäßige
Ordnung vorzugehen.
Ein wichtiger Gegner dieser Pläne war General René
Schneider, der Oberbefehlshaber des chilenischen Heeres. Schneider vertrat die
Auffassung, dass die Streitkräfte sich aus der Politik heraushalten und die
Entscheidung des Kongresses respektieren müssten. Die CIA unterstützte Gruppen,
die Schneider entführen wollten, und stellte Waffen und Geld bereit. Bei einem
Entführungsversuch am 22. Oktober 1970 wurde Schneider schwer verletzt und
starb wenige Tage später.
Die CIA hatte keinen nachgewiesenen direkten Auftrag
erteilt, Schneider zu ermorden. Dennoch hatte sie eine Gruppe bewaffnet und
unterstützt, die einen gewaltsamen Umsturz vorbereitete. Die Verantwortung der
USA liegt daher mindestens in der Förderung einer militärischen Verschwörung
gegen die chilenische Verfassungsordnung.
Der Plan scheiterte. Allende wurde vom Kongress bestätigt
und trat sein Amt an. Damit endete die US-Intervention jedoch nicht. Sie
wechselte lediglich ihre Form: Aus dem Versuch, die Regierungsübernahme
unmittelbar zu verhindern, wurde der Versuch, die Regierung wirtschaftlich zu
strangulieren, politisch zu isolieren und gesellschaftlich zu delegitimieren.
Wirtschaftlicher Druck als Instrument der CIA
Nach Allendes Amtsantritt setzte Washington auf
wirtschaftliche und politische Destabilisierung. US-Kredite wurden
eingeschränkt, internationale Finanzhilfen sollten erschwert werden. Die
Strategie wurde später mit dem Satz beschrieben, man wolle die chilenische
Wirtschaft „zum Schreien bringen“.
Die Bevölkerung sollte die wirtschaftlichen Folgen der
politischen Entscheidung zu spüren bekommen: durch Inflation,
Versorgungsprobleme, Arbeitslosigkeit und Unsicherheit. Chile hatte zwar auch
unabhängig von der US-Politik mit Inflation, Produktionsproblemen und
politischen Konflikten zu kämpfen. Die Wirtschaftspolitik der Unidad Popular
war widersprüchlich, und die Regierung verfügte nicht über vollständige
Kontrolle über Banken, Unternehmen, Handel und internationale Finanzströme. Die
US-Politik verschärfte diese Probleme jedoch bewusst. Sie machte aus inneren
Widersprüchen eine systematische Krise.
Die wirtschaftliche Destabilisierung war ein Angriff auf die
soziale Basis der Regierung. Die Unidad Popular hatte ihre Unterstützung
besonders unter Arbeiterinnen und Arbeitern, Bauern und den städtischen Armen.
Wenn Versorgung und Beschäftigung unsicher wurden, sollte sich der Unmut gegen
die Regierung richten. Die Eigentümer konnten ihre wirtschaftliche Macht
nutzen, um die Regierung zu blockieren, während die Bevölkerung die Folgen
dieser Blockade tragen musste.
Die CIA unterstützte außerdem oppositionelle Parteien,
Organisationen und Medien. Besonders wichtig war die Zeitung El Mercurio, die
sich zu einem zentralen Sprachrohr der Opposition entwickelte. Die CIA
finanzierte oppositionelle Medien und unterstützte Kampagnen, die Allende als
unfähig, autoritär und wirtschaftlich zerstörerisch darstellten. Die
Medienarbeit sollte die Regierung delegitimieren und die gesellschaftliche
Zustimmung zu einem möglichen Militärputsch erhöhen.
Die CIA und die chilenische Opposition
Die CIA unterstützte ein breites Netzwerk oppositioneller
Kräfte. Dazu gehörten Unternehmerverbände, konservative Parteien, Medien und
gesellschaftliche Organisationen. Ziel war es, die Regierung politisch zu
isolieren und die Konflikte im Land zu verschärfen.
Unternehmer konnten Investitionen zurückhalten, Waren aus
dem Verkehr ziehen, Lieferketten unterbrechen und ihre Verbände zur politischen
Mobilisierung einsetzen. Die Opposition konnte dadurch eine Krise erzeugen und
anschließend behaupten, die Regierung sei unfähig, diese Krise zu lösen.
Ein Beispiel war der Streik der Lastwagenbesitzer im Oktober
1972. Er legte wichtige Verkehrswege lahm und verschärfte die Versorgungskrise.
Die CIA unterstützte oppositionelle Gruppen finanziell, auch wenn ihre genaue
Rolle bei einzelnen Aktionen unterschiedlich bewertet wird. Sicher ist, dass
Washington die Gegner Allendes mit Geld und politischer Unterstützung
versorgte.
Der Streik war nicht einfach ein spontaner Ausdruck
gesellschaftlicher Unzufriedenheit. Er war Teil eines politischen Kampfes, in
dem wirtschaftliche Infrastruktur als Waffe eingesetzt wurde. Wenn Lastwagen
stillstanden und Waren nicht transportiert wurden, traf dies vor allem die
Bevölkerung. Die Unternehmer konnten die daraus entstehende Not anschließend
als Beweis für das Scheitern der Regierung präsentieren.
Die Grenzen des parlamentarischen Weges
Die Unidad Popular wollte den Sozialismus auf
parlamentarischem Weg einleiten. Dieser Weg hatte eine demokratische
Legitimation, war aber mit grundlegenden Widersprüchen konfrontiert. Die
Regierung gewann die Präsidentschaft, verfügte jedoch nicht über eine eigene
Mehrheit im Kongress. Sie musste Reformen innerhalb eines Staatsapparats
durchsetzen, dessen Institutionen weiterhin von den alten gesellschaftlichen
Machtverhältnissen geprägt waren.
Die Eigentümer behielten wirtschaftliche Macht, die
Opposition kontrollierte wichtige Medien, und die Streitkräfte blieben
institutionell eigenständig. Die Regierung konnte Unternehmen verstaatlichen,
aber nicht automatisch verhindern, dass Kapital abgezogen, Produktion sabotiert
oder Versorgungsketten unterbrochen wurden. Auch innerhalb der Linken bestanden
unterschiedliche Vorstellungen über Tempo und Reichweite des Umbaus. Teile der
Arbeiterbewegung drängten auf eine weitergehende Kontrolle der Betriebe und
eine stärkere Mobilisierung von unten. Andere Kräfte wollten die bestehenden
Institutionen schonen und eine Verständigung mit der Christdemokratie
erreichen.
Die Regierung war politisch geschwächt, aber nicht
bedeutungslos. Sie verfügte weiterhin über breite gesellschaftliche
Unterstützung. Gerade deshalb konnte die Opposition sie nicht einfach durch
Wahlen beseitigen. Der Konflikt wurde zunehmend außerhalb der normalen
parlamentarischen Verfahren ausgetragen. Die herrschenden Klassen akzeptierten
die Demokratie nur so lange, wie sie ihre Eigentumsverhältnisse nicht
gefährdete.
Die Parlamentswahl von 1973
Trotz der Krise verlor die Unidad Popular ihre
gesellschaftliche Unterstützung nicht vollständig. Bei den Parlamentswahlen im
März 1973 erhielt sie rund 43 Prozent der Stimmen. Die Opposition gewann zwar
mehr Stimmen, verfehlte aber die notwendige Zweidrittelmehrheit, um Allende
verfassungsgemäß abzusetzen.
Das Wahlergebnis zeigte, dass Chile tief gespalten war, aber
keine eindeutige Mehrheit für einen Militärputsch existierte. Die Regierung war
politisch geschwächt, jedoch weiterhin demokratisch legitimiert. Die Opposition
konnte Allende nicht auf parlamentarischem Weg stürzen. Für die Militärs und
ihre Unterstützer wurde der Putsch deshalb zur Alternative zur demokratischen
Auseinandersetzung.
Freigegebene Dokumente zeigen, dass die US-Regierung über
die Vorbereitungen chilenischer Militärs informiert war. Ein eindeutiger Beleg
dafür, dass die CIA den konkreten Operationsplan vom 11. September 1973 entwarf
oder den Angriff direkt befahl, liegt jedoch nicht vor. Das Fehlen eines
solchen Befehls entlastet die USA nicht von ihrer politischen Verantwortung.
Ein Staatsstreich entsteht nicht erst in dem Moment, in dem Panzer auffahren.
Er wird durch die Zerstörung demokratischer Legitimität, wirtschaftliche Not,
die Finanzierung oppositioneller Kräfte und die Vorbereitung militärischer
Optionen ermöglicht.
Die Rolle der CIA beim Putsch selbst
Am 11. September 1973 erhoben sich Heer, Marine, Luftwaffe
und Carabineros gegen die Regierung. Die Streitkräfte bombardierten den
Präsidentenpalast La Moneda. Allende lehnte eine Kapitulation ab und hielt sich
mit Unterstützern im Palast auf. Während des Angriffs nahm er sich das Leben.
Die militärische Durchführung des Putsches lag bei den
chilenischen Streitkräften. Augusto Pinochet, der erst wenige Wochen zuvor
Oberbefehlshaber des Heeres geworden war, übernahm die Führung der Junta. Die
CIA führte die Truppen nicht und war nicht nachweislich direkt an der
Bombardierung La Monedas beteiligt.
Ihre Rolle bestand vor allem darin, die Voraussetzungen für
den Putsch zu schaffen. Sie hatte seit 1970 versucht, Allendes Amtsantritt zu
verhindern, Militärs kontaktiert, oppositionelle Parteien und Medien
unterstützt und wirtschaftlichen Druck gefördert. Dadurch trug sie dazu bei,
die demokratische Regierung zu schwächen und ein politisches Klima zu schaffen,
in dem ein Militärputsch möglich wurde.
Die spätere Behauptung, die USA hätten den Putsch nicht
selbst durchgeführt, ist daher formal richtig, greift aber politisch zu kurz.
Die chilenischen Generäle waren die unmittelbaren Täter des Staatsstreichs. Die
US-Regierung und die CIA hatten jedoch über Jahre hinweg an der
Destabilisierung gearbeitet und standen der Machtübernahme nicht entgegen.
Unterstützung der Diktatur
Nach dem Putsch unterstützte Washington die neue
Militärregierung politisch. Die USA erkannten die Junta an und verbesserten
ihre Beziehungen zu Chile. Zwar gab es innerhalb der US-Regierung auch Kritik
an den Menschenrechtsverletzungen, doch der antikommunistische Charakter des
Regimes blieb für Washington entscheidend.
1976 traf US-Außenminister Henry Kissinger Augusto Pinochet
in Santiago. Das Gesprächsprotokoll zeigt, dass Kissinger der Junta
grundsätzlich wohlwollend gegenüberstand. Er erklärte, die USA wollten helfen,
und äußerte Verständnis für die antikommunistische Politik des Regimes. Zu
diesem Zeitpunkt waren Verhaftungen, Folter, Hinrichtungen und das
Verschwindenlassen politischer Gegner bereits bekannt.
Die Unterstützung der Diktatur machte deutlich, dass die
US-Politik nicht primär von demokratischen Prinzipien bestimmt war.
Entscheidend war, dass Chile nicht länger ein sozialistisches Regierungsprojekt
verfolgte. Die Militärregierung beseitigte die Linke, unterdrückte
Gewerkschaften und öffnete die Wirtschaft für private Investitionen.
Die Repression war kein bloßer Nebeneffekt des Putsches. Sie
war eine Voraussetzung für den wirtschaftlichen Umbau. Parteien,
Gewerkschaften, Betriebsorganisationen und linke Medien wurden verboten oder
zerschlagen. Die Bevölkerung verlor nicht nur politische Rechte, sondern auch
die kollektiven Mittel, mit denen sie sich gegen Entlassungen, Lohnsenkungen,
Privatisierungen und soziale Kürzungen hätte wehren können.
CIA, Repression und Operation Condor
Die chilenische Diktatur verfolgte politische Gegner im
Inland und im Ausland. Geheimdienste arbeiteten mit anderen südamerikanischen
Militärregimen zusammen. Diese Zusammenarbeit wurde als Operation Condor
bekannt und diente der Überwachung, Entführung und Ermordung politischer Gegner
über Staatsgrenzen hinweg.
Die CIA war nicht für jedes Verbrechen der chilenischen
Geheimdienste verantwortlich. Sie verfügte jedoch über Kontakte und
Informationen über die Sicherheitsapparate der Region. Die US-Regierung wusste
von der systematischen Repression und setzte ihre Zusammenarbeit mit den
Militärregimen dennoch fort.
Die Diktatur verhaftete, folterte und ermordete Tausende
Menschen. Zehntausende wurden politisch verfolgt oder ins Exil gezwungen.
Gewerkschaften und Parteien wurden zerschlagen, Medien zensiert und
demokratische Institutionen aufgelöst. Die Gewalt richtete sich gezielt gegen
die Linke und sollte verhindern, dass die sozialen Kräfte, die Allende getragen
hatten, erneut politisch handlungsfähig wurden.
Operation Condor war die internationale Dimension dieser
Konterrevolution. Die Militärregime Südamerikas koordinierten ihre Verfolgung
von Exilierten und Oppositionellen. Der Antikommunismus diente als gemeinsame
politische Sprache, doch hinter ihm stand die Verteidigung einer sozialen
Ordnung, in der Land, Fabriken, Banken und Rohstoffe in den Händen einer
kleinen Klasse und ausländischer Konzerne blieben.
Die wirtschaftliche Bedeutung der US-Intervention
Der Putsch veränderte auch die wirtschaftlichen
Machtverhältnisse in Chile. Unter der Militärregierung wurden Privatisierungen
durchgeführt, Zölle gesenkt, der öffentliche Sektor verkleinert und soziale
Sicherungssysteme marktförmig umgebaut.
Ein wirtschaftliches Programm, das unter dem Namen El
ladrillo bekannt wurde, diente als Grundlage für diese Politik. Mehrere der
daran beteiligten Ökonomen, die später als „Chicago Boys“ bezeichnet wurden,
übernahmen Funktionen unter Pinochet. Die Diktatur schuf die politischen
Bedingungen, unter denen dieses Programm ohne parlamentarische Opposition und
ohne freie Gewerkschaften umgesetzt werden konnte.
Die wirtschaftliche Neuordnung war kein neutraler
Modernisierungsprozess. Sie verschob Einkommen und Eigentum zugunsten des
Kapitals. Staatliche Unternehmen wurden privatisiert, soziale Leistungen
gekürzt oder in Waren verwandelt, und die Verantwortung für zentrale
Lebensbereiche wurde auf einzelne Haushalte abgewälzt. Wer über ausreichendes
Einkommen verfügte, konnte sich Zugang zu Bildung, Gesundheit und
Altersvorsorge kaufen. Wer dieses Einkommen nicht hatte, war stärker von
Marktpreisen und privater Verschuldung abhängig.
Die CIA war nicht der Urheber jeder wirtschaftspolitischen
Maßnahme der Diktatur. Ihre politische Intervention trug jedoch dazu bei, die
Regierung zu beseitigen, die diese Maßnahmen verhindert oder anders gestaltet
hätte. Der Putsch war daher nicht nur ein antikommunistischer Machtwechsel,
sondern auch ein Eingriff in die sozialen und wirtschaftlichen
Kräfteverhältnisse des Landes.
Wer den Preis des Umbaus bezahlte
Die wirtschaftlichen Versprechen der neoliberalen Reformer
erfüllten sich nicht für die gesamte Bevölkerung. 1982 geriet Chile in eine
schwere Wirtschaftskrise. Die Nationalbibliothek beziffert den Rückgang des
Bruttoinlandsprodukts auf 14,3 Prozent und die Arbeitslosigkeit auf 23,7
Prozent. Der Staat intervenierte im Bankensektor. Zur Stabilisierung des
Finanzsystems blieb öffentliche Macht gefragt, während Beschäftigte Arbeit und
Einkommen verloren.
Die Krise zeigte den Klassencharakter der
Wirtschaftspolitik. Wenn Banken und Unternehmen in Schwierigkeiten gerieten,
konnte der Staat eingreifen und Verluste auffangen. Wenn Arbeiterinnen und
Arbeiter ihre Arbeit verloren oder Familien ihre soziale Absicherung einbüßten,
wurde ihnen dagegen Anpassung zugemutet. Der Markt galt als unantastbar,
solange er Gewinne verteilte; sobald er Verluste erzeugte, wurde der Staat zur
Rettung des Kapitals eingesetzt.
Die Krise löste neue Gegenwehr aus. Ab 1983 gewannen
landesweite Proteste und gewerkschaftliche Organisierung an Kraft; das Regime
reagierte mit Gewalt. Soziale Widersprüche ließen sich unterdrücken, aber nicht
dauerhaft beseitigen. Die Arbeiterbewegung war geschwächt, aber nicht
verschwunden.
Die politische Bedeutung des 11. September
1988
scheiterte Pinochet im Referendum über seine weitere Amtszeit. Im März 1990
übergab er das Präsidentenamt an Patricio Aylwin. Seine militärische Stellung
behielt er zunächst: Bis 1998 blieb er Oberbefehlshaber des Heeres. Das Ende
der Diktatur beseitigte somit nicht auf einen Schlag die Machtpositionen, die
sie geschaffen hatte.
Auch der
Übergang zur parlamentarischen Demokratie bedeutete keine vollständige Rückkehr
zu den gesellschaftlichen Bedingungen vor 1973. Die wirtschaftlichen Reformen
blieben in wesentlichen Bereichen bestehen. Die politische Demokratie wurde
wiederhergestellt, während die durch die Diktatur veränderten
Eigentumsverhältnisse weitgehend fortbestanden. Die Arbeiterbewegung erhielt
wieder Handlungsspielräume, musste aber unter Bedingungen kämpfen, die durch
Privatisierung, Prekarisierung und soziale Ungleichheit geprägt waren.
Der 11.
September 1973 war deshalb ein Wendepunkt in der Geschichte des chilenischen
Kapitalismus. Die Diktatur beseitigte nicht nur eine Regierung, sondern
zerstörte ein politisches Projekt, das die gesellschaftliche Verfügung über
Reichtum und Produktion verändern wollte. Sie machte Chile zu einem Labor für
eine Wirtschaftsordnung, die später weltweit als neoliberales Modell propagiert
wurde.
Die
Erinnerung an Allende und die Opfer der Diktatur verlangt, diese Zusammenhänge
offenzulegen. Allendes Regierung war widersprüchlich, ihre Strategie des
parlamentarischen Übergangs war verwundbar, und ihre wirtschaftspolitischen
Entscheidungen waren nicht frei von Fehlern. Nichts davon rechtfertigt den
Putsch.
Die
chilenische Bourgeoisie, die Militärführung und der US-Imperialismus reagierten
auf den Versuch, die Eigentumsverhältnisse demokratisch zu verändern, mit einer
gewaltsamen Konterrevolution. Die CIA war dabei nicht der alleinige Urheber und
nicht der unmittelbare militärische Vollstrecker. Sie war jedoch ein zentraler
Organisator der internationalen Intervention, die den Boden für den Putsch
bereitete und die neue Ordnung politisch absicherte.
Allendes Tod
war die unmittelbare Folge des militärischen Angriffs auf den Präsidentenpalast
und des gewaltsamen Sturzes seiner demokratisch gewählten Regierung. Die
offizielle Feststellung eines Suizids darf die politische Verantwortung der
Putschisten nicht verschleiern. Der Putsch war chilenischen Ursprungs, aber
nicht unabhängig von der US-amerikanischen Einflussnahme. Die CIA kontrollierte
die chilenische Politik nicht vollständig, half jedoch dabei, die demokratische
Regierung zu schwächen und ihre Gegner zu stärken.
Die
Geschichte des 11. September 1973 zeigt, dass ein Staatsstreich nicht erst mit
dem Einmarsch von Soldaten beginnt. Er beginnt häufig früher: mit verdeckter
Finanzierung, wirtschaftlichem Druck, politischer Manipulation, Medienkampagnen
und der Unterstützung von Kräften, die bereit sind, die demokratische Ordnung
zu beseitigen. In Chile spielte die CIA in diesem Prozess eine entscheidende
Rolle.
Noch
grundlegender zeigt der Fall Chile, dass die Demokratie unter kapitalistischen
Eigentumsverhältnissen eine Grenze besitzt. Sobald eine Regierung versucht, die
Verfügung über zentrale Produktionsmittel zu verändern und die arbeitende
Bevölkerung zu stärken, greifen die herrschenden Klassen zu anderen Mitteln. In
Chile waren diese Mittel wirtschaftliche Sabotage, imperialistische
Intervention, militärischer Terror und die Errichtung einer Diktatur.
Der 11.
September 1973 war daher nicht nur der Tag, an dem eine Regierung gestürzt
wurde. Er war der Tag, an dem die chilenische Bourgeoisie mit Unterstützung des
US-Imperialismus die demokratische Form ihrer eigenen Herrschaft aufgab, um
ihre soziale Herrschaft zu retten.
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