Kuba: Revolution gegen Kolonialismus, Kapital und Blockade Folge 1: Die gestohlene Unabhängigkeit

 

Kuba: Revolution gegen Kolonialismus, Kapital und Blockade

Folge 1: Die gestohlene Unabhängigkeit

Kubas Revolution begann nicht am 1. Januar 1959. Sie war das Ergebnis jahrhundertelanger kolonialer Gewalt, rassistischer Ausbeutung und imperialistischer Unterwerfung. Spanien vernichtete die indigene Bevölkerung, errichtete eine Sklavenhaltergesellschaft und machte die Insel zur Zuckerplantage. Als kubanische Unabhängigkeitskämpfer Spanien an den Rand der Niederlage brachten, raubten die Vereinigten Staaten ihnen den Sieg. Die US-Intervention ersetzte die spanische Kolonialherrschaft durch eine modernere Form imperialistischer Kontrolle.


Die Revolution von 1959 war deshalb weit mehr als der Sturz eines Diktators. Sie richtete sich gegen eine halbkoloniale Klassenordnung, in der Boden, Rohstoffe, Betriebe und staatliche Gewalt den Interessen einer kleinen einheimischen Bourgeoisie, der Großgrundbesitzer und des US-Kapitals dienten. Kuba musste nicht nur seine Regierung wechseln. Es musste sich sein Land zurückholen.

Zucker, Sklaverei und koloniale Gewalt

Die Eroberung Kubas durch Spanien begann im frühen 16. Jahrhundert. Für die ursprünglichen Bewohner bedeutete sie Vertreibung, Zwangsarbeit und nahezu vollständige Vernichtung. Die Kolonialmacht raubte ihnen das Land und richtete seine Nutzung nach den Absatzchancen europäischer Märkte aus.

Als die Zahl der einheimischen Arbeitskräfte infolge dieser Gewalt drastisch zurückging, verschleppten die Kolonialherren seit dem 16. Jahrhundert Menschen aus Afrika nach Kuba. Mit der Ausweitung des Zuckerrohranbaus nahm der Sklavenhandel zu. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts lebten auf der Insel rund 400.000 versklavte Menschen. Ihre Arbeit schuf den Reichtum der Plantagenbesitzer und machte Kuba zum weltweit bedeutendsten Zuckerexporteur.

Die Plantage war eine brutale Klassenordnung: Wenige Eigentümer monopolisierten den Boden, während versklavte Menschen ihre Arbeitskraft unter Gewalt verausgabten. Rassistische Unterdrückung und ökonomische Ausbeutung waren untrennbar verbunden. Produziert wurde, was den Kolonialherren Profit versprach; Versorgung und Entwicklung der Insel waren ihnen gleichgültig.

So entstanden konzentrierter Landbesitz, Abhängigkeit von einem Exportprodukt, schwache industrielle Entwicklung und ein Außenhandel unter fremder Kontrolle. Die koloniale Gesellschaft erzeugte Reichtum, verwandelte ihn aber in das Eigentum einer kleinen Klasse.

Die Abschaffung der Sklaverei war Ergebnis jahrzehntelanger Kämpfe und Aufstände. José Antonio Aponte führte 1812 einen großen antikolonialen und gegen die Sklaverei gerichteten Aufstand an. Auch der Aufstand von La Escalera 1844 zeigte, wie eng der Kampf gegen die Sklaverei mit dem Kampf gegen die koloniale Ordnung verbunden war. Doch die Abschaffung beseitigte weder den Großgrundbesitz noch die materielle Entrechtung der ehemaligen Sklaven. Land, Kapital und politische Macht blieben in den Händen einer kleinen besitzenden Klasse.

Die Sklaverei verschwand als Rechtsform, nicht aber die Ausbeutung. An die Stelle des unmittelbaren Zwangs traten Lohnabhängigkeit, Landlosigkeit und rassistisch organisierte Armut. Persönliche Freiheit ohne Zugang zu Boden, Bildung und gesicherter Arbeit veränderte die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse nur wenig.

Ein dreißigjähriger Kampf um Befreiung

1868 begann der erste große Unabhängigkeitskrieg gegen Spanien. Carlos Manuel de Céspedes erklärte auf seiner Zuckerplantage La Demajagua die Unabhängigkeit und befreite die dort versklavten Menschen. Sein Aufruf verband nationale Befreiung mit dem Angriff auf die Sklavenordnung. Zehn Jahre lang kämpfte eine revolutionäre Armee, konnte Spanien jedoch nicht besiegen. Bauern, ehemalige Sklaven, Arbeiter und Teile der gebildeten Mittelschichten erkannten zunehmend, dass die soziale Frage nicht von der nationalen Befreiung zu trennen war.

Ignacio Agramonte organisierte den Widerstand in Camagüey und setzte sich für eine unabhängige Republik ein. Antonio Maceo, der aus einer freien schwarzen Familie stammte, wurde ein herausragender militärischer Führer. Er verband den Kampf gegen Spanien mit der entschiedenen Ablehnung jeder rassistischen Einschränkung der Unabhängigkeit.

Denn eine Republik, die nur die spanische durch eine kubanische Flagge ersetzte, hätte die Eigentumsverhältnisse der Plantagenwirtschaft unangetastet gelassen. Für Landlose und Arbeiter wäre die nationale Unabhängigkeit dann nur eine neue Fassade für alte Abhängigkeiten gewesen.

1895 begann unter maßgeblichem Einfluss José Martís ein neuer Unabhängigkeitskrieg. Martí war Schriftsteller, Journalist, Organisator und politischer Theoretiker. Er gründete die Revolutionäre Partei Kubas und verband nationale Befreiung mit dem Schutz vor der Vorherrschaft der Vereinigten Staaten. Die Republik sollte der Bevölkerung gehören und weder spanischer Kolonialherrschaft noch nordamerikanischer Kontrolle untergeordnet sein.

In einem berühmten Brief an Manuel Mercado warnte Martí davor, dass die Vereinigten Staaten sich über die Antillen ausbreiten und damit über Amerika herfallen könnten. Martí fiel am 19. Mai 1895 in der Schlacht von Dos Ríos. Die Befreiungsarmee unter Antonio Maceo, Máximo Gómez und anderen Führern brachte Spanien schließlich an den Rand der Niederlage.

In diesem entscheidenden Moment griffen die Vereinigten Staaten ein. Washington stellte seine Intervention als Hilfe für die Befreiung Kubas dar. Tatsächlich entriss es dem kubanischen Volk den bereits erkämpften Sieg. Nach Spaniens Niederlage besetzten US-Truppen die Insel. Aus einem antikolonialen Befreiungskrieg wurde unter dem Druck einer aufsteigenden imperialistischen Macht der Übergang von spanischer zu nordamerikanischer Vorherrschaft.

Das war keine humanitäre Mission. Die Vereinigten Staaten handelten im Interesse ihres aufsteigenden Monopolkapitals. Kuba sollte nicht selbstständig über seine Ressourcen verfügen, sondern in den nordamerikanischen Wirtschaftsraum eingegliedert werden. Seine geografische Lage, Häfen und landwirtschaftlichen Reichtümer machten es zu einem strategischen Ziel. Die Monroe-Doktrin von 1823 lieferte die außenpolitische Formel für den Anspruch, Lateinamerika als ausschließliche Einflusszone der Vereinigten Staaten zu behandeln.

Hinter der Sprache von Ordnung und Sicherheit stand die Logik des Imperialismus: Kapital sucht Anlagesphären, Märkte, Rohstoffe und strategische Räume. Kuba sollte politisch abhängig und wirtschaftlich offen für US-Unternehmen bleiben.

Eine Republik unter Vorbehalt

1902 erhielt Kuba formale staatliche Unabhängigkeit. Doch diese Republik wurde mit Fesseln geboren. Der Platt Amendment gewährte den Vereinigten Staaten ein weitreichendes Interventionsrecht. Washington konnte eingreifen, sobald es seine Interessen oder die von ihm definierte „Stabilität“ gefährdet sah. Zugleich sicherten sich die USA Militärstützpunkte. Guantánamo besteht bis heute und verkörpert den fortdauernden Anspruch einer fremden Macht auf kubanisches Territorium.

Kuba verfügte über Regierung, Parlament und Flagge, während zentrale politische und wirtschaftliche Entscheidungen unter dem Druck Washingtons standen. Die formale Republik verdeckte eine halbkoloniale Wirklichkeit. Die ökonomische Abhängigkeit wurde nicht beseitigt, sondern neu organisiert. Die Souveränität endete dort, wo die Eigentumsrechte ausländischer Unternehmen begannen.

Die Vereinigten Staaten bauten ihren Einfluss auf Außenhandel, Zuckerexport und Versorgung systematisch aus. Große Teile des Bodens, Zuckerfabriken, Bergwerke, Eisenbahnen und das Elektrizitätsnetz gelangten in ausländischen Besitz. Mehr als die Hälfte der landwirtschaftlichen Fläche befand sich schließlich in den Händen auswärtiger Eigentümer. US-Unternehmen beherrschten die Zuckerproduktion.

Diese Eigentumsverhältnisse bestimmten, was produziert wurde – und für wen. Der Zuckerexport brachte hohe Einnahmen für Konzerne, Großgrundbesitzer und Zwischenhändler, schuf aber keine ausgewogene Volkswirtschaft. Kuba blieb abhängig von Lebensmittel- und Industriegüterimporten. Einheimische Produzenten konnten sich gegen die Konkurrenz aus den USA kaum behaupten. Die Monokultur wurde vertieft.

Die kubanische Wirtschaft war nicht einfach „unterentwickelt“. Sie war imperialistisch entwickelt: auf eine Weise, die den Bedürfnissen des ausländischen Kapitals entsprach. Die Insel produzierte Zucker für den Weltmarkt, importierte notwendige Güter und blieb von Entscheidungen abhängig, die außerhalb Kubas getroffen wurden.

Reichtum für wenige, Unsicherheit für die Mehrheit

Vor der Revolution lebte ein großer Teil der Bevölkerung unter Bedingungen, die scharf mit dem sichtbaren Reichtum der Insel kontrastierten. Besonders auf dem Land fehlten Wasser- und Stromversorgung, Schulen, medizinische Betreuung, Wohnungen und dauerhafte Beschäftigung.

Diese Armut war kein Mangel an gesellschaftlichem Reichtum, sondern Ergebnis seiner privaten Aneignung. Die Insel erwirtschaftete hohe Exporterlöse, doch die Mehrheit besaß weder Land noch Betriebe und konnte deshalb nicht über deren Verwendung entscheiden.

Die Zuckerwirtschaft benötigte während der Ernte viele Arbeitskräfte, ließ sie außerhalb der Saison jedoch ohne gesichertes Einkommen zurück. Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung waren direkte Folgen des ökonomischen Modells. Die Existenz der Landarbeiter hing von den Entscheidungen der Plantagenbesitzer und den Schwankungen des Weltmarkts ab.

In Havanna konzentrierten sich Tourismus, Glücksspiel und Vergnügungsindustrie. Davon profitierten die einheimische Oberschicht, ausländische Geschäftsleute und das organisierte Verbrechen. Hinter dem Bild einer mondänen Karibikmetropole standen Prostitution, Armut und eine soziale Ordnung, in der die Insel als Hinterhof der Vereinigten Staaten behandelt wurde.

Die rassistische Hierarchie der Kolonialzeit wirkte fort. Nachkommen der versklavten Afrikaner waren überdurchschnittlich von Armut und Ausgrenzung betroffen. Eigentum, Bildungschancen und gesellschaftlicher Einfluss blieben extrem ungleich verteilt. Rassismus strukturierte den Zugang zu Arbeit, Land, Bildung und politischer Macht.

Widerstand gegen diese Verhältnisse verschwand nie. Bauern wehrten sich gegen Großgrundbesitz und Vertreibung, Arbeiter organisierten Streiks, Studenten und Intellektuelle stellten sich gegen Korruption, ausländische Bevormundung und staatliche Gewalt. Alfredo López prägte in den 1920er Jahren die Gewerkschaftsbewegung. Julio Antonio Mella, Mitbegründer der Kommunistischen Partei Kubas, verband den Kampf gegen die Diktatur Gerardo Machados mit der Kritik an imperialistischer Abhängigkeit und kapitalistischer Ausbeutung. Er wurde 1929 im mexikanischen Exil ermordet.

Antonio Guiteras Holmes versuchte in den 1930er Jahren, soziale Reformen mit nationaler Souveränität zu verbinden. Seine Bewegung Joven Cuba trat für eine unabhängige, sozial orientierte Republik ein. Guiteras wurde 1935 von Regierungstruppen getötet.

Diese Kämpfe blieben häufig getrennt und wurden brutal unterdrückt. Dennoch bewahrten sie die Erfahrung, dass nationale Souveränität ohne soziale Befreiung unvollständig bleiben musste. Die Geschichte Kubas war kein bloßer Wechsel schlechter Regierungen, sondern ein Klassenkampf um Land, Arbeit, politische Macht und nationale Verfügung über die Produktionsmittel.

Batista und der Staat der Besitzenden

Fulgencio Batista verkörperte die Verbindung von Militär, einheimischer Oberschicht und US-Interessen. 1952 beseitigte er durch einen Militärputsch die verbliebenen parlamentarischen Formen. Seine Diktatur stützte sich auf Armee, Polizei, Geheimdienste und die Unterstützung Washingtons.

Der Staat fungierte als bewaffneter Schutzapparat der bestehenden Eigentumsordnung. Er verteidigte die Interessen der Großgrundbesitzer, Unternehmer und ausländischen Konzerne gegen Arbeiter, Bauern und oppositionelle Bewegungen. Korruption war Bestandteil eines Systems, in dem staatliche Ämter, wirtschaftliche Privilegien und politische Loyalität gehandelt wurden.

Batistas Regime war die politische Form einer sozialen Herrschaft. Die Diktatur entstand aus dem Bedürfnis der Besitzenden, ihre Eigentumsordnung gegen die wachsende Unzufriedenheit der Ausgebeuteten zu sichern. Wenn parlamentarische Formen die Herrschaft nicht mehr stabilisierten, griff die Bourgeoisie zum Militär.

Wer Batista stürzen wollte, musste daher mehr tun, als einen Tyrannen zu beseitigen. Er musste die gesellschaftliche Basis seiner Macht angreifen: das Eigentum der Großgrundbesitzer, die Abhängigkeit vom US-Kapital und den Staatsapparat, der diese Verhältnisse mit Gewalt schützte.

Moncada: Niederlage und politischer Anfang

Am 26. Juli 1953 griff eine Gruppe junger Revolutionäre die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba an. Zu den zentralen Organisatoren gehörten Fidel Castro, Raúl Castro, Abel Santamaría und Haydée Santamaría. Der Versuch, das militärische Zentrum der Diktatur zu erobern und einen landesweiten Aufstand auszulösen, scheiterte. Viele Beteiligte wurden getötet, gefoltert oder inhaftiert. Abel Santamaría wurde ermordet; Haydée Santamaría überlebte und wurde später eine wichtige Organisatorin.

Militärisch war der Angriff eine Niederlage, politisch der Beginn einer neuen Phase. In seiner Verteidigungsrede „Die Geschichte wird mich freisprechen“ formulierte Fidel Castro ein Programm aus Landreform, Industrialisierung, Wohnungsbau, Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, Ausbau von Bildung und Gesundheitsversorgung sowie Wiederherstellung politischer Rechte.

Dieses Programm forderte mehr als Batistas Rücktritt. Landreform bedeutete Enteignung des Großgrundbesitzes, Industrialisierung den Bruch mit der imperialistischen Arbeitsteilung, öffentliche Bildung und Gesundheit die Entziehung gesellschaftlicher Mittel aus der privaten Profitlogik.

Nach einer Amnestie ging Fidel Castro 1955 nach Mexiko. Dort bereitete die Bewegung des 26. Juli die Rückkehr nach Kuba vor. Zu den Beteiligten gehörten Raúl Castro, Ernesto Che Guevara, Camilo Cienfuegos und Juan Almeida Bosque. Im Dezember 1956 erreichte die Jacht „Granma“ mit 82 Kämpfern die Insel. Die Landung endete beinahe in einer vollständigen Niederlage. Nur ein kleiner Teil gelangte in die Sierra Maestra und setzte den bewaffneten Kampf fort.

Von der Guerilla zur Volksbewegung

Der spätere Sieg lässt sich nicht mit militärischer Kühnheit allein erklären. Entscheidend war, dass der bewaffnete Widerstand an gesellschaftliche Konflikte anknüpfte. In der Sierra Maestra lebten Bauern, die sich gegen Großgrundbesitzer behaupten mussten und häufig ohne gesicherte Eigentumsrechte wirtschafteten. Die Guerilla gewann Unterstützung, weil sie die Forderung nach Land aufgriff und sich gegen die Armee stellte, die den Besitz der Großgrundbesitzer verteidigte.

Fidel Castro entwickelte sich vom militärischen Anführer zum politischen Organisator. Raúl Castro trug zum Aufbau revolutionärer Strukturen und zur politischen Radikalisierung bei. Che Guevara organisierte Einheiten, die neben dem militärischen Kampf Schulen, medizinische Versorgung und politische Bildungsarbeit aufbauten. Dadurch wurde sichtbar, dass die Rebellen nicht nur die Regierung austauschen, sondern eine andere gesellschaftliche Ordnung vorbereiten wollten.

Auch in den Städten wuchs der Widerstand. Frank País organisierte in Santiago de Cuba den städtischen Untergrund, koordinierte Streiks, Waffenlieferungen und Unterstützung für die Guerilla. Nach seiner Ermordung durch Batistas Polizei im Juli 1957 stärkte die Empörung den Widerstand.

Studenten, Arbeiter und illegale politische Strukturen organisierten Proteste, Streiks und Unterstützung. Celia Sánchez half beim Aufbau von Versorgung, Nachrichtenverbindungen und politischer Organisation in der Sierra Maestra. Vilma Espín koordinierte den Widerstand in Santiago de Cuba und wurde später eine wichtige Vertreterin der revolutionären Frauenbewegung. Das Regime antwortete mit Folter, Mord und Repression, konnte den politischen Zerfall aber nicht aufhalten.

Teile der einheimischen Bourgeoisie distanzierten sich ebenfalls von Batista. Sie litten unter Korruption und ausländischer Konkurrenz, wollten jedoch überwiegend nur die Diktatur ersetzen, nicht die Eigentumsordnung beseitigen. Solange der Ausgang offen war, konnten unterschiedliche Kräfte gemeinsam gegen Batista kämpfen. Hinter dieser Einheit standen jedoch gegensätzliche Ziele.

Die Besitzenden hofften auf eine berechenbare Regierung, die die kapitalistische Ordnung stabilisieren würde. Arbeiter und Bauern erwarteten Land, Arbeit, soziale Rechte und nationale Unabhängigkeit. Die Revolution war deshalb von Anfang an ein Bündnis widersprüchlicher Klassenkräfte. Nach dem Sturz der Diktatur musste dieser Widerspruch offen hervortreten.

Der 1. Januar 1959

Ende 1958 zerfiel Batistas Armee. Che Guevara führte eine Kolonne nach Santa Clara, wo die Einnahme der Stadt und die Entgleisung eines Militärzuges den Zusammenbruch des Regimes beschleunigten. Camilo Cienfuegos rückte mit seinen Truppen auf Havanna vor. Am 1. Januar 1959 floh Batista ins Ausland. Wenige Tage später zog die Rebellenarmee in Havanna ein.

Der Sieg wurde von einer kubanischen Bewegung errungen, die sich auf wachsende Unterstützung in der Bevölkerung stützte. Die Revolution war zunächst nicht in allen Einzelheiten sozialistisch bestimmt. Ihr unmittelbares Ziel bestand im Sturz der Diktatur, in der Wiederherstellung nationaler Souveränität und in der Lösung der dringendsten sozialen Probleme. Doch gerade die Umsetzung dieser Forderungen führte zur Eigentumsfrage.

Eine wirkliche Landreform musste den Großgrundbesitz antasten. Eine unabhängige Wirtschaftspolitik musste die Kontrolle der US-Konzerne über Zuckerindustrie, Bergbau, Energieversorgung und Verkehr brechen. Ein öffentliches Bildungs- und Gesundheitswesen benötigte gesellschaftlich kontrollierte Mittel. Die Revolution konnte ihre Versprechen nicht einlösen, ohne die materielle Macht der alten Eliten zu beschneiden.

Darin lag der tiefere Gehalt des Januar 1959. Nicht ein Regierungswechsel machte den Sieg revolutionär, sondern die Möglichkeit, den Staat nicht länger als Schutzinstrument der Großgrundbesitzer, Konzerne und ausländischen Interessen einzusetzen. Zum ersten Mal konnte die Frage gestellt werden, ob Kubas Reichtum den Eigentümern der Plantagen oder den Menschen gehören sollte, die ihn hervorbrachten.

Washington erkannte diese Gefahr schnell. Sobald Land, Betriebe und Versorgungsstrukturen der privaten Verfügung entzogen wurden, stand nicht nur das Vermögen einzelner Unternehmen zur Disposition. Infrage gestellt wurde der gesamte Anspruch der Vereinigten Staaten, über Kubas wirtschaftlichen und politischen Weg zu bestimmen.

Der Sieg über Batista beendete deshalb nicht den Kampf um die Unabhängigkeit. Er eröffnete ihn auf einer neuen Stufe. Nun ging es darum, die politische Befreiung durch eine Veränderung der Eigentums- und Machtverhältnisse abzusichern. Aus dem Aufstand gegen die Diktatur entwickelte sich eine soziale Revolution – und aus dem Vorposten des US-Kapitals wurde ein Land, das sich dem Zugriff des Imperiums entzog.

Die kubanische Revolution war zugleich nationale Befreiung und Klassenkampf. Sie konnte die imperialistische Abhängigkeit nur brechen, indem sie die einheimischen Klassen entmachtete, die von ihr profitierten. Die gestohlene Unabhängigkeit sollte nicht durch eine neue Flagge zurückgewonnen werden, sondern durch die Enteignung derjenigen, die Kuba besaßen, ohne es zu schaffen. Erst als Arbeiter und Bauern begannen, über Land, Betriebe und gesellschaftlichen Reichtum zu bestimmen, wurde aus der formalen Republik die Möglichkeit wirklicher Souveränität.

In Folge 2: Wie Bodenreform, Verstaatlichungen, Alphabetisierung und der Aufbau einer öffentlichen Gesundheitsversorgung die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse veränderten – und warum Washington darauf mit Sabotage, Invasion und Blockade antwortete.




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