Kuba: Revolution gegen Kolonialismus, Kapital und Blockade Folge 2: Wem gehört Kuba?

 



Kuba: Revolution gegen Kolonialismus, Kapital und Blockade

Folge 2: Wem gehört Kuba?

Mit dem Sturz Batistas war die alte Staatsmacht zerschlagen, ihre ökonomische Grundlage jedoch unangetastet geblieben. Erst Bodenreform, Verstaatlichungen sowie der Aufbau eines öffentlichen Bildungs- und Gesundheitswesens machten aus dem politischen Sieg eine soziale Revolution. Genau deshalb reagierten die Vereinigten Staaten mit Sabotage, Invasion und Blockade. Der Konflikt drehte sich um eine konkrete Klassenfrage: Sollten Kubas Boden, Betriebe und gesellschaftlicher Reichtum weiterhin ausländischen Konzernen und einer kleinen besitzenden Klasse gehören – oder der arbeitenden Bevölkerung dienen?

Nach dem Sieg begann der eigentliche Klassenkampf

Als die Rebellenarmee im Januar 1959 in Havanna einzog, war die Batista-Diktatur zusammengebrochen. Fidel Castro, Ernesto „Che“ Guevara, Camilo Cienfuegos und andere Revolutionäre standen vor der Aufgabe, den politischen Sieg in eine gesellschaftliche Umwälzung zu verwandeln. Zuckerfabriken, Bergwerke, Energieversorgung, Eisenbahnen und große Teile des Bodens befanden sich weiterhin in den Händen ausländischer Unternehmen und einheimischer Großgrundbesitzer. Die politische Befreiung blieb unvollständig, solange diese Eigentümer über die wirtschaftlichen Lebensadern des Landes bestimmten.

Die neue Regierung musste entscheiden: Sollte sie das abhängige Wirtschaftsmodell bewahren oder die materiellen Ursachen von Armut, Erwerbslosigkeit und Fremdherrschaft angreifen? Wer soziale Gerechtigkeit verwirklichen wollte, musste zwangsläufig mit den Eigentümern kollidieren.

Das politische Programm der Bewegung des 26. Juli stellte Landreform, Industrialisierung, Wohnungsbau, Arbeitsplätze, Bildung und Gesundheitsversorgung ins Zentrum. Keine dieser Forderungen ließ sich verwirklichen, ohne gesellschaftliche Ressourcen umzuverteilen. Schulen und Krankenhäuser mussten finanziert, Wohnungen gebaut und ungenutzte Flächen den Großgrundbesitzern entzogen werden. Aus dem Versprechen sozialer Gerechtigkeit folgte der Angriff auf die bestehende Eigentumsordnung.

Die Revolution erklärte sich nicht am ersten Tag zum sozialistischen Projekt. Sie wurde dazu gedrängt, weil jede konsequente Maßnahme gegen die Unterentwicklung an derselben Schranke scheiterte: an der Herrschaft des Großgrundbesitzes, des kubanischen Kapitals und der US-Konzerne. Nationale Unabhängigkeit war ohne Eingriff in deren Eigentum nicht zu erreichen. Der nationale Befreiungskampf ging unmittelbar in den sozialen Klassenkampf über.

Die Bodenreform brach die Macht der Plantagenbesitzer

Die erste große Auseinandersetzung entzündete sich am Boden. Mehr als die Hälfte der landwirtschaftlichen Fläche Kubas befand sich vor der Revolution in ausländischem Besitz. Große Plantagen dominierten die Zuckerproduktion, während zahlreiche Bauern kein oder nur unzureichendes Land besaßen. Landarbeiter fanden während der Ernte Beschäftigung und waren danach oft monatelang ohne Einkommen.

Die Landreform von 1959 griff diese Eigentumsverhältnisse frontal an. Rund 850.000 Hektar wurden enteignet, etwa 420.000 Hektar an Kleinbauern verteilt. Weitere Flächen gingen in genossenschaftliche und staatliche Bewirtschaftung über. Eine zweite Agrarreform beseitigte später auch die verbliebenen Reste des Großgrundbesitzes.

Damit verlor eine Klasse, die Wirtschaft und Politik über Generationen beherrscht hatte, ihre materielle Grundlage. Bauern erhielten Land, während die revolutionäre Staatsmacht Zugriff auf Flächen gewann, die für eine planmäßige Versorgung der Bevölkerung genutzt werden konnten.

Der Konflikt war zugleich international. Die Zuckerwirtschaft stand unter der Kontrolle großer US-Unternehmen. Jede Begrenzung des Grundbesitzes berührte daher unmittelbar die Interessen des nordamerikanischen Kapitals. Washington behandelte die Landreform nicht als souveräne Entscheidung eines Nachbarlandes, sondern als Angriff auf vermeintliche US-Besitzrechte.

Solange US-Konzerne über kubanisches Land verfügten, galt dies als normale wirtschaftliche Freiheit. Sobald Kuba seinen Boden der Verfügung ausländischer Eigentümer entzog, war von Enteignung, Rechtsbruch und kommunistischer Bedrohung die Rede. Die Freiheit des Kapitals sollte über dem Selbstbestimmungsrecht eines ganzen Volkes stehen.

Verstaatlichung der wirtschaftlichen Schlüsselbereiche

Auf die Agrarreform folgte die Überführung ausländischer Unternehmen in staatliches Eigentum. Anschließend wurden auch große Betriebe der einheimischen Bourgeoisie verstaatlicht. Energieversorgung, Bergbau, Banken, Verkehr und Industrie sollten nicht länger nach privaten Renditeinteressen funktionieren.

Dieser Prozess richtete sich nicht gegen persönlichen Besitz, sondern gegen die wirtschaftlichen Kommandohöhen einer abhängigen Gesellschaft. Wer Elektrizitätsnetz, Banken, Häfen, Eisenbahnen und Zuckerfabriken kontrollierte, konnte jede Regierung unter Druck setzen. Die Verstaatlichung sollte diese Macht brechen und die Produktionsmittel der privaten Verfügung entziehen.

Die alten Eliten reagierten mit Kapitalflucht, Produktionsstörungen und der Verlagerung ihres politischen Zentrums nach Miami. Großgrundbesitzer, Fabrikherren, Funktionäre der Diktatur und Angehörige des kriminellen Milieus verließen die Insel. Von Florida aus arbeiteten Teile des Exils gemeinsam mit US-Stellen auf die gewaltsame Wiederherstellung der alten Ordnung hin.

Die Nationalisierungen schufen erstmals Voraussetzungen für gesamtgesellschaftliche Planung. Investitionen konnten dorthin gelenkt werden, wo sie für die Entwicklung des Landes notwendig waren. Zugleich erbte die Revolution eine deformierte Wirtschaftsstruktur: Abhängigkeit vom Zuckerexport, geringe industrielle Vielfalt, niedrige Produktivität und einen hohen Bedarf an importierten Maschinen, Brennstoffen und Lebensmitteln.

Ein Eigentumswechsel erzeugt noch keine moderne Volkswirtschaft. Er eröffnet lediglich die Möglichkeit, sie im Interesse der Mehrheit aufzubauen. Kuba musste Fachkräfte ausbilden, Produktionsketten schaffen und gleichzeitig die unmittelbaren Bedürfnisse der Bevölkerung erfüllen. Hinzu kamen die Kosten der Verteidigung gegen einen militärisch und wirtschaftlich überlegenen Gegner.

Washington greift zur wirtschaftlichen Strangulierung

Die Vereinigten Staaten reagierten früh mit Sanktionen. Als Kuba die Kontrolle über seine Ressourcen ausweitete, kürzte Washington die Einfuhr kubanischen Zuckers. Die Sowjetunion verpflichtete sich daraufhin, einen Teil der ausfallenden Menge abzunehmen. Aus der bisherigen Abhängigkeit von den USA entstand schrittweise eine engere Bindung an die sozialistischen Staaten.

Der Konflikt folgte einer eindeutigen Klassenlogik. Wirtschaftlicher Druck sollte die revolutionäre Regierung zu Zugeständnissen zwingen. Blieb dieser Druck erfolglos, sollte er Versorgungskrisen erzeugen und die Bevölkerung gegen die neue Ordnung aufbringen. Mangel wurde gezielt als politische Waffe eingesetzt.

Parallel dazu liefen Sabotage, bewaffnete Überfälle und die Unterstützung konterrevolutionärer Gruppen. Ziel war nicht die Verteidigung demokratischer Rechte, sondern die Wiederherstellung einer Eigentumsordnung, in der US-Unternehmen und die geflohene kubanische Oberschicht erneut über Land, Betriebe und Arbeitskräfte verfügten.

Im April 1961 landeten von den USA ausgerüstete und unterstützte Einheiten in der Schweinebucht. Die Invasion sollte einen Brückenkopf schaffen, eine Gegenregierung ausrufen und den Weg für eine direkte Intervention öffnen. Sie wurde innerhalb kurzer Zeit von revolutionären Streitkräften und bewaffneten Teilen der Bevölkerung zurückgeschlagen.

Die Niederlage zeigte, dass die Revolution über eine gesellschaftliche Basis verfügte, die sich nicht durch eine aus dem Ausland organisierte Operation beseitigen ließ. Zugleich beschleunigte der Angriff die politische Radikalisierung. Die Verteidigung der nationalen Unabhängigkeit und der Aufbau einer sozialistischen Ordnung wurden ausdrücklich miteinander verbunden.

1962 verhängten die Vereinigten Staaten unter Präsident John F. Kennedy eine umfassende Wirtschafts-, Handels- und Finanzblockade. Die stärkste Wirtschaftsmacht der westlichen Hemisphäre setzte ihre Kontrolle über Märkte, Banken und Transportwege ein, um eine kleine Insel zur Unterwerfung zu zwingen. Die Politik richtete sich gegen den Lebensstandard der gesamten Bevölkerung und sollte die gesellschaftliche Basis der Revolution zerschlagen.

Lesen lernen als gesellschaftlicher Umsturz

Während Washington die wirtschaftliche Isolation verschärfte, begann Kuba eine umfassende Alphabetisierungskampagne. Bildung war vor 1959 ein Klassenprivileg. Besonders auf dem Land hatten zahlreiche Kinder keine Schule besucht. Höhere Bildung blieb weitgehend den besitzenden Schichten vorbehalten.

Die Revolution behandelte Analphabetismus nicht als individuelles Versagen, sondern als Ergebnis der alten Herrschaftsordnung. Wer Plantagenarbeiter lediglich als billige Arbeitskräfte benötigte, hatte kein Interesse daran, ihnen wissenschaftliche oder politische Bildung zu ermöglichen. Das Bildungsmonopol stabilisierte die Eigentumsverhältnisse.

Kasernen und Villen der geflohenen Oberschicht wurden in Schulen umgewandelt. Arbeitslose Lehrer erhielten Beschäftigung, neue Pädagogen wurden ausgebildet. Privatschulen gingen in ein einheitliches öffentliches Bildungssystem über. Der kostenlose Schulbesuch sollte auf der gesamten Insel garantiert werden.

1961 zogen Schüler, Studenten und Arbeiter als Alphabetisierungsbrigaden in ländliche Gebiete. Sie lebten bei Bauernfamilien, beteiligten sich an deren Arbeit und unterrichteten Lesen und Schreiben. Die Kampagne verband Stadt und Land sowie körperliche und geistige Arbeit. Bildung wurde von einem Privileg weniger zu einer gemeinsamen gesellschaftlichen Aufgabe.

Die Alphabetisierung war weit mehr als eine pädagogische Maßnahme. Menschen, die zuvor von Zeitungen, Verwaltung und politischer Diskussion ausgeschlossen gewesen waren, erhielten Zugang zu Wissen. Bauern wurden nicht länger als passive Empfänger staatlicher Anweisungen behandelt, sondern als Beteiligte des gesellschaftlichen Umbaus.

Auf die Kampagne folgten Programme der Erwachsenenbildung und Arbeiter-und-Bauern-Fakultäten. Bis Mitte der 1970er Jahre hatten Hunderttausende einen Grundschulabschluss nachgeholt. Die Zahl der Schüler und Studenten einschließlich der Erwachsenenbildung stieg von rund 811.000 im Jahr 1958 auf etwa 2,69 Millionen im Jahr 1973.

Diese Entwicklung erforderte erhebliche Mittel. Schulen mussten gebaut, Lehrkräfte ausgebildet und Stipendien finanziert werden. Dass ein wirtschaftlich bedrängtes Land solche Ressourcen aufbrachte, zeigte eine neue Priorität: Bildung galt nicht länger als Ware, sondern als gesellschaftliches Recht.

Gesundheit wurde vom Geschäft zum Recht

Ähnlich tiefgreifend war der Umbau des Gesundheitswesens. Vor der Revolution konzentrierten sich Ärzte und medizinische Einrichtungen in den Städten und zahlungskräftigen Regionen. Arme Landbewohner hatten kaum Zugang zu Behandlung. Nach 1959 verließen zudem zahlreiche Mediziner das Land.

Die revolutionäre Regierung baute unter Gesundheitsminister Ernesto „Che“ Guevara und seinen Nachfolgern ein öffentliches und kostenloses Gesundheitssystem auf. Polikliniken, Krankenhäuser und Behandlungsstellen wurden dezentral verteilt. Auch abgelegene Ortschaften sollten medizinisch versorgt werden. Prävention, Impfungen und die Betreuung von Schwangeren erhielten hohen Stellenwert.

1959 kam rechnerisch ein Arzt auf etwa 1.400 Einwohner. In den folgenden Jahrzehnten wurde dieses Verhältnis auf ungefähr einen Arzt je 150 Einwohner verbessert. Der Ausbau erforderte eine massive Erweiterung der medizinischen Ausbildung. Aus einem unterversorgten Land entwickelte sich ein Staat, der später Ärzte in andere Länder entsenden konnte.

Der Maßstab hatte sich verändert. Medizinische Leistungen sollten nicht dort angeboten werden, wo die höchste Zahlungsfähigkeit bestand, sondern dort, wo Menschen sie benötigten. Gesundheit wurde aus dem privaten Geschäftsmodell herausgelöst und als öffentliche Verpflichtung organisiert.

Gerade deshalb traf die Blockade den Gesundheitssektor besonders hart. Fehlende Devisen, erschwerte Importe und verweigerte Lieferungen begrenzten die technische Ausstattung. Trotzdem wurde die medizinische Grundversorgung zu einer der dauerhaftesten Errungenschaften der Revolution.

Frauen zwischen rechtlicher Gleichheit und fortwirkendem Machismo

Auch die Stellung der Frauen veränderte sich grundlegend. Vor 1959 waren viele auf unbezahlte Hausarbeit, prekäre Dienstleistungen oder Prostitution verwiesen. Fehlende Bildung und wirtschaftliche Abhängigkeit begrenzten ihre Möglichkeiten, am öffentlichen Leben teilzunehmen.

Alphabetisierung, berufliche Ausbildung, Kinderbetreuung und staatliche Arbeitsplätze schufen neue Voraussetzungen. Bildungsprogramme bereiteten Frauen aus ländlichen Gebieten auf Tätigkeiten in Industrie, Landwirtschaft, Verwaltung und sozialen Einrichtungen vor. Krippen, Kindergärten und Ganztagsschulen sollten die Kinderbetreuung gesellschaftlich organisieren.

Bis Mitte der 1970er Jahre arbeiteten Hunderttausende Frauen in gesellschaftlich organisierter Beschäftigung. Sie wurden Lehrerinnen, Ärztinnen, Technikerinnen, Soldatinnen und Funktionärinnen. Damit verlor die patriarchale Familie einen Teil ihrer Funktion als ökonomischer Zwangsverband.

Die rechtliche Gleichstellung beseitigte jedoch nicht automatisch überlieferte Einstellungen. Der Machismo blieb im privaten Leben und in der Arbeitsteilung wirksam. Frauen trugen weiterhin einen großen Teil der Hausarbeit, während ihnen zugleich die Beteiligung an Produktion und Politik abverlangt wurde.

Die Revolution eröffnete Möglichkeiten zur Befreiung, konnte patriarchale Verhältnisse aber nicht per Dekret vollständig abschaffen. Gesellschaftlicher Umbau verlangt mehr als neue Gesetze: Er greift in Gewohnheiten, Familienstrukturen und die geschlechtliche Teilung der Arbeit ein.

Ein neuer Staat und die Frage der Beteiligung

Mit den Eigentumsverhältnissen veränderte sich auch der Staat. Der alte, von Batistas Militär und Polizei geprägte Apparat wurde zerschlagen. An seine Stelle traten neue Institutionen, revolutionäre Streitkräfte und Massenorganisationen. Gewerkschaften, Bauernorganisationen, Frauenverband, Studentenbewegung und Nachbarschaftskomitees sollten große Teile der Bevölkerung in den politischen Prozess einbeziehen.

Aus der Bewegung des 26. Juli, dem Revolutionären Direktorium des 13. März und der Sozialistischen Volkspartei entstand schrittweise eine gemeinsame politische Organisation, die seit 1965 den Namen Kommunistische Partei Kubas trägt. Die Zusammenführung sollte revolutionäre Strömungen bündeln und eine einheitliche Leitung des Umbaus ermöglichen.

1975 wurde die erste sozialistische Verfassung in einem Referendum angenommen. Der Abstimmung ging eine breite gesellschaftliche Beratung voraus, an der sich rund 6,25 Millionen Bürger beteiligten. Vorschläge und Änderungswünsche wurden gesammelt und berücksichtigt.

Diese Beteiligungsformen unterschieden sich vom parlamentarischen Wettbewerb kapitalistischer Staaten. Politische Entscheidungen sollten nicht über Parteien und finanziell mächtige Interessengruppen vermittelt werden, sondern durch Versammlungen, Massenorganisationen und gewählte Volksvertretungen. Zugleich entstand eine starke Zentralisierung von Partei und Staat.

Darin lag ein dauerhafter Widerspruch. Die äußere Bedrohung verlangte Geschlossenheit und schnelle Entscheidungen. Der gesellschaftliche Aufbau benötigte dagegen Kritik, Kontrolle und eigenständige Initiative von unten. Wo Zentralisierung zur bürokratischen Routine wurde, drohte die Bevölkerung vom handelnden Subjekt zum Empfänger staatlicher Vorgaben zu werden.

Eine sozialistische Gesellschaft kann jedoch nicht dauerhaft durch Verwaltung von oben aufgebaut werden. Arbeiterklasse und Bauernschaft müssen die gesellschaftliche Produktion und ihre politische Richtung zunehmend selbst kontrollieren. Sonst verwandelt sich die notwendige Übergangsmacht in eine bürokratische Herrschaft über die Produzenten.

Aufbau unter den Bedingungen der Blockade

Trotz der feindlichen Umgebung erzielte Kuba in den ersten anderthalb Jahrzehnten erhebliche wirtschaftliche Fortschritte. Zwischen 1958 und 1973 verdreifachte sich die Energie- und Zementproduktion, die Nickelförderung verdoppelte sich. Die Handelsflotte wuchs auf etwa das Zehnfache, der Traktorenbestand von rund 2.000 auf etwa 50.000 Fahrzeuge.

Neue Industriebetriebe, Bewässerungsanlagen und Wohnungen wurden errichtet. Die Mechanisierung der Zuckerernte sollte Landarbeiter von schwerster körperlicher Arbeit entlasten. Arbeitslosigkeit, zuvor ein strukturelles Merkmal der saisonabhängigen Zuckerwirtschaft, wurde weitgehend beseitigt.

Doch Kuba konnte das koloniale Erbe nicht in wenigen Jahren überwinden. Die Zuckerproduktion blieb für Export und Deviseneinnahmen entscheidend. Das Land benötigte weiterhin Maschinen, Ersatzteile, Treibstoffe und Lebensmittel aus dem Ausland. Die Blockade zwang es, neue Handelsbeziehungen aufzubauen.

Die Sowjetunion und andere sozialistische Staaten lieferten Öl, Maschinen und Kredite und nahmen kubanischen Zucker zu langfristig vereinbarten Preisen ab. 1972 trat Kuba dem Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe bei. Diese Zusammenarbeit schützte das Land vor dem unmittelbaren Zugriff des kapitalistischen Weltmarkts und ermöglichte Investitionen in Industrie und soziale Versorgung.

Sie brachte jedoch eine neue Abhängigkeit hervor. Innerhalb der internationalen Arbeitsteilung blieb Kuba stark auf Zucker spezialisiert. Mehr als 700 Produkte wurden aus den sozialistischen Staaten importiert. Ein großer Teil der Industrie war auf deren Maschinen, Ersatzteile und Absatzmärkte angewiesen. Die Revolution hatte die Unterordnung unter die USA gebrochen, aber noch keine wirtschaftliche Selbstständigkeit erreicht.

Abhängigkeit entsteht nicht nur durch Privateigentum, sondern auch durch eine internationale Arbeitsteilung, in der schwach entwickelte Länder auf wenige Exportwaren festgelegt werden. Sozialistische Planung muss deshalb nicht bloß verteilen, sondern die produktiven Grundlagen erweitern und die internationale Arbeitsteilung bewusst verändern.

Planung, Bewusstsein und materielle Interessen

Der Aufbau war von Auseinandersetzungen über den wirtschaftlichen Weg begleitet. Eine Position, die unter anderem Ernesto „Che“ Guevara vertrat, setzte auf starke zentrale Planung und die Behandlung der staatlichen Wirtschaft als zusammenhängende Einheit. Betriebe sollten ihre Entscheidungen nicht nach Gewinn und Konkurrenz, sondern nach gesellschaftlichem Bedarf treffen.

Damit war die Vorstellung verbunden, dass eine neue Gesellschaft nicht mit denselben Antrieben aufgebaut werden könne wie die alte. Wenn höheres Einkommen und betriebliche Rentabilität weiterhin das Verhalten bestimmten, würden Konkurrenz, Eigennutz und soziale Unterschiede reproduziert. Freiwillige Arbeit, kollektive Verantwortung und politische Überzeugung sollten deshalb eine zentrale Rolle spielen.

Die gegenteilige Gefahr bestand darin, materielle Bedingungen zu unterschätzen. Moralische Appelle konnten fehlende Organisation, schlechte Planung und unzureichende Versorgung nicht ersetzen. Wo Betriebe keine ausreichende Eigenverantwortung besaßen, entstanden bürokratische Verzögerungen, Verschwendung und geringe Produktivität.

In den 1970er Jahren übernahm Kuba stärker sowjetisch geprägte Formen der Wirtschaftslenkung. Betriebliche Rechnungsführung, materielle Anreize und ein formalisiertes Planungssystem sollten die Effizienz erhöhen. Gleichzeitig wuchs der Verwaltungsapparat.

Gegen Ende des Jahrzehnts traten Probleme hervor. In staatlichen Betrieben kam es zu Unterschlagungen, sinkender Arbeitsdisziplin und Versorgungsengpässen. 1980 wurden freie Bauernmärkte und begrenzte Möglichkeiten zum Verkauf von Überschüssen zugelassen. Dadurch verbesserte sich teilweise das Angebot, zugleich nahmen private Bereicherung und soziale Unterschiede zu.

Mitte der 1980er Jahre leitete die Regierung unter Fidel Castro eine Kampagne zur Korrektur von Fehlern ein. Marktmechanismen und privatwirtschaftliche Tendenzen sollten zurückgedrängt werden. Die Führung versuchte, an kollektive Formen und die ursprünglichen sozialen Ziele der Revolution anzuknüpfen.

Der Wechsel zwischen Zentralisierung und begrenzter Marktöffnung spiegelte ein ungelöstes Problem des Übergangs: Wie kann gesellschaftlich geplant werden, ohne die Initiative der Beschäftigten zu ersticken? Wie lassen sich Leistung und Versorgung sichern, ohne Konkurrenz und private Bereicherung erneut zum bestimmenden Maßstab zu machen?

Die Antwort kann nicht in der Unterordnung unter Marktgesetze liegen. Der Markt behandelt menschliche Bedürfnisse als zahlungsfähige Nachfrage und belohnt nicht gesellschaftliche Notwendigkeit, sondern Verwertbarkeit. Eine sozialistische Planung muss demokratisch, materiell realistisch und von den Produzenten kontrolliert sein. Sie muss die Produktivkräfte entwickeln, ohne die gesellschaftlichen Ziele dem Profit zu unterwerfen.

Internationalismus statt imperialer Expansion

Kuba beschränkte seine Revolution nicht auf die eigenen Grenzen. Das Land unterstützte antikoloniale Bewegungen und Staaten, die sich gegen rassistische Herrschaft und ausländische Vorherrschaft wehrten. Kubanische Soldaten kämpften in Afrika nicht für territoriale Eroberungen oder wirtschaftliche Konzessionen. Kuba hinterließ dort weder Kolonien noch Militärstützpunkte zur Sicherung privater Profite.

Besonders bekannt wurde die kubanische Unterstützung der angolanischen Regierung und der Befreiungsbewegung gegen die südafrikanische Apartheid. Kubanische Truppen spielten 1987 und 1988 in der Schlacht von Cuito Cuanavale eine wichtige Rolle. Diese Unterstützung trug dazu bei, den militärischen Druck Südafrikas zurückzudrängen und die Voraussetzungen für die Unabhängigkeit Namibias zu stärken.

Diese Praxis unterschied sich von der Interventionspolitik der Vereinigten Staaten. Washington setzte Militär, Geheimdienste und wirtschaftlichen Druck ein, um abhängige Regierungen zu schützen. Kuba unterstützte Kräfte, die koloniale und rassistische Herrschaft beseitigen wollten.

Hinzu kam die zivile Zusammenarbeit. Ärzte, Lehrer und Fachkräfte arbeiteten in Ländern, deren Bevölkerung unter den Folgen kolonialer Ausplünderung litt. Damit wurde ein anderes Verhältnis zwischen Staaten sichtbar: Austausch und Unterstützung konnten sich an gesellschaftlichen Bedürfnissen orientieren, nicht an der Erschließung profitabler Märkte.

Der kubanische Internationalismus war deshalb nicht bloß Außenpolitik. Er war der Versuch, die internationale Solidarität der arbeitenden und unterdrückten Völker gegen das imperialistische System praktisch werden zu lassen. Wo der Imperialismus Abhängigkeit produziert, sollte Zusammenarbeit gemeinsame Handlungsfähigkeit schaffen.

Die ungelöste Rechnung des kolonialen Erbes

Bis Ende der 1980er Jahre hatte Kuba grundlegende soziale Rechte durchgesetzt. Bildung, Gesundheitsversorgung und Beschäftigung waren nicht mehr vom privaten Reichtum einzelner Familien abhängig. Großgrundbesitz und die Herrschaft ausländischer Konzerne waren gebrochen. Die Insel hatte sich von einem Hinterhof der USA zu einem eigenständig handelnden Staat entwickelt.

Doch der Aufbau blieb widersprüchlich. Die starke Zentralisierung begünstigte Bürokratie. Die Produktivität entwickelte sich nicht in allen Bereichen ausreichend. Die Konzentration auf Zucker wurde innerhalb der neuen internationalen Arbeitsteilung fortgesetzt. Viele soziale Leistungen hingen von Importen, Krediten und garantierten Absatzbedingungen ab.

Diese Schwächen widerlegen nicht die sozialen Errungenschaften. Sie zeigen vielmehr, unter welchen Bedingungen sie geschaffen wurden: in einem wirtschaftlich schwach entwickelten Land, unter dauernder Blockade, mit hohen Verteidigungsausgaben und einer vom Kolonialismus deformierten Produktionsstruktur.

Entscheidend war, welche Klasse über die Verwendung des gesellschaftlichen Reichtums bestimmte. Trotz aller Fehler und Engpässe flossen die verfügbaren Mittel nicht mehr vorrangig in die Profite ausländischer Konzerne und die Paläste einer kleinen Oberschicht, sondern in Schulen, Kliniken, Wohnungen und öffentliche Versorgung.

Am Ende der 1980er Jahre schien dieses System trotz seiner Probleme abgesichert. Dann zerfielen innerhalb weniger Jahre die Sowjetunion und der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe. Kuba verlor nahezu gleichzeitig seine wichtigsten Lieferanten, Kreditgeber und Absatzmärkte. Was folgte, war keine gewöhnliche Rezession, sondern ein wirtschaftlicher Absturz, der die Existenz der Revolution bedrohte.

Die nächste Krise sollte zeigen, dass die Aufhebung des Privateigentums zwar die Voraussetzung sozialer Planung schafft, aber ihre materielle Grundlage nicht ersetzt. Ohne entwickelte Produktivkräfte, demokratische Kontrolle und internationale Solidarität bleibt auch ein sozialistischer Staat verwundbar. Die Revolution hatte die politische Macht der alten Klassen gebrochen; nun musste sie beweisen, ob sie unter den Bedingungen des Weltmarkts eine eigenständige gesellschaftliche Entwicklung sichern konnte.

In Folge 3: Wie Kuba nach dem Zusammenbruch seiner wichtigsten Handelspartner eine beispiellose Versorgungskrise überstand, warum Marktöffnungen neue Ungleichheiten hervorbrachten und wie die US-Blockade bis in die Gegenwart als wirtschaftliche Kriegsführung gegen die Bevölkerung eingesetzt wird.


Streiflichter

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