Der AfD-Sieg ist eine Gefahr für die Demokratie – aber anders, als die Herrschenden behaupten
Der
AfD-Sieg ist eine Gefahr für die Demokratie – aber anders, als die Herrschenden
behaupten
Der Erdrutschsieg der AfD in Sachsen-Anhalt ist
keine Laune des Wählers, sondern Ausdruck einer tiefen Krise der politischen
Herrschaft. Gefährlich ist, dass die Wut über Sozialabbau, wirtschaftlichen
Niedergang, politische Entmündigung und Kriegskurs von einer rechtsextremen
Partei gebunden wird, statt sich als selbständige Kraft der arbeitenden
Bevölkerung zu organisieren. Nicht weniger gefährlich ist jedoch die Reaktion
des Berliner Machtblocks: Er verweigert jede Abrechnung mit den
gesellschaftlichen Ursachen seiner Niederlage, verachtet Millionen Wähler,
droht mit dem Grundgesetz und erklärt Russland zum Sündenbock für das Scheitern
seiner eigenen Politik.
Ein Erdrutsch
erschüttert den Machtblock
Das Ergebnis lässt sich nicht als regionaler
Betriebsunfall verharmlosen. Mit 43,8 Prozent der Stimmen hat die AfD unter
Ulrich Siegmund die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt gewonnen. Die CDU stürzte
auf 17,2 Prozent ab. Gegenüber der vorausgegangenen Wahl legte die AfD um 23
Prozent zu, während die CDU 19,9 Prozent verlor. Mehr als zweieinhalbmal so
viele Wähler entschieden sich damit für die AfD wie für jene Partei, die das
Land über zwei Jahrzehnte regiert hatte.
Die CDU hat keine gewöhnliche Wahlniederlage
erlitten. Eine jahrzehntelang staatstragende Partei wurde politisch zerlegt.
Umfragen zufolge wechselten frühere CDU-Wähler in großer Zahl zur AfD. Zugleich
mobilisierte diese viele Menschen, die zuvor nicht gewählt hatten. Ihr Erfolg
beschränkt sich nicht auf eine einzelne Altersgruppe. Sie dominiert fast das
gesamte Altersspektrum; nur unter den ältesten Wählern liegt sie nicht vorn.
Bei den jüngsten Wählern erhielt die CDU gerade einmal fünf Prozent. Eine Partei,
die den Anspruch erhebt, das Land zu führen, ist für einen großen Teil der
kommenden Generation politisch bedeutungslos geworden.
In diesen Zahlen tritt eine Krise der bisherigen
Herrschaftsordnung hervor. Die CDU verliert nicht bloß Stimmen, sondern ihre
Fähigkeit, breite Teile der Bevölkerung an den bestehenden Machtblock zu
binden. Sie kann den von ihr vertretenen Kurs nicht mehr als allgemeines
Interesse verkaufen. Die Zustimmung bricht weg, weil immer mehr Menschen
erfahren, dass die Politik des angeblich vernünftigen Zentrums ihre sozialen
Bedürfnisse missachtet, ihnen die Kosten der Krise auflädt und jede wirkliche
Alternative aus dem zugelassenen politischen Raum verdrängt.
Die AfD stößt in genau jene gesellschaftlichen
Räume vor, die CDU und SPD preisgegeben haben. Wo soziale Unsicherheit wächst,
öffentliche Leistungen gekürzt und politische Entscheidungen als alternativlos
verkündet werden, entsteht keine Zustimmung, sondern Wut. Fehlt dieser Wut eine
organisierte Kraft der arbeitenden Bevölkerung, kann sie von rechts besetzt
werden. Die AfD muss die Krise nicht verursacht haben, um von ihr zu
profitieren. Es genügt, dass sie sich als Gegnerin jener Parteien darstellt, die
für Millionen Menschen zum Gesicht des sozialen Abstiegs, der politischen
Arroganz und der Kriegsgefahr geworden sind.
Besonders aufschlussreich ist der Erfolg bei
bisherigen Nichtwählern. Menschen, die sich vom parlamentarischen Betrieb
abgewandt hatten, kehren an die Wahlurne zurück, weil sie dort eine Möglichkeit
erkennen, den Regierenden eine empfindliche Niederlage zuzufügen. Ihre
Mobilisierung ist zunächst Ausdruck einer tiefen Legitimationskrise. Sie
beweist weder eine einheitliche Weltanschauung noch eine geschlossene soziale
Interessenlage. Sie zeigt aber, wie weit sich die Bevölkerung von den
bisherigen Regierungsparteien entfernt hat.
Sachsen-Anhalt ist mit 2,1 Millionen Einwohnern
und rund 1,7 Millionen Wahlberechtigten ein kleines Bundesland. Seine
Wählerschaft ist geringer als die der Stadt Hamburg. Dennoch behandelt niemand
das Ergebnis als bloßes Landesereignis. Es erschüttert die Machtverhältnisse in
Berlin, vertieft die Krise der CDU und findet international Widerhall. Auch ein
Beitrag des US-Präsidenten Donald Trump in den sozialen Medien verdeutlicht,
dass der Ausgang der Wahl weit über Magdeburg hinaus wahrgenommen wird.
Die Größe eines Bundeslandes entscheidet nicht
über die politische Bedeutung einer Wahl. Sachsen-Anhalt wirkt wie ein
Brennglas, in dem sich die bundesweiten Widersprüche konzentrieren. Eine
langjährige Regierungspartei bricht zusammen, eine rechte Oppositionskraft
gewinnt fast die Hälfte der Stimmen, bisherige Nichtwähler werden mobilisiert
und die jüngste Generation wendet sich besonders deutlich von der CDU ab. Das
ist keine vorübergehende Verstimmung. Die bisherige Form politischer Einbindung
zerfällt.
Die Kosten
tragen die Arbeiter
Friedrich Merz erkennt inzwischen selbst, dass
seine Partei in ernster Gefahr ist und die Niederlage sie bis in ihre
Grundfesten erschüttert. Was er nicht erkennen lassen will, ist seine eigene
Verantwortung. Der frühere BlackRock-Manager hat die CDU in dieses Debakel
geführt. Schon vor der Wahl gab es Berichte über Widerstand gegen ihn in der
Partei; nach dem Absturz werden die Forderungen nach seinem Rückzug lauter.
Weitere Landtagswahlen könnten den Druck auf ihn zusätzlich erhöhen.
Doch die Krise ist größer als die Person Merz.
Seine politische Herkunft verweist auf die enge Verbindung zwischen Staatsmacht
und Finanzkapital. Dass ein ehemaliger Spitzenmann von BlackRock an der Spitze
der Bundesregierung steht, ist keine belanglose Episode seiner Biographie. Es
verkörpert eine Ordnung, in der die Interessen großer Vermögensbesitzer und
Konzerne als wirtschaftliche Vernunft ausgegeben werden, während die sozialen
Ansprüche der Mehrheit als Belastung erscheinen.
Merz ist nicht deshalb gescheitert, weil er die
Logik dieses Systems missverstanden hätte. Er ist gescheitert, weil er sie
besonders rücksichtslos vollstreckt. Die CDU verlangt Zustimmung zu einer
Politik, die den gesellschaftlichen Reichtum nach oben und nach außen verteilt,
während sie nach unten Verzicht predigt. Sie behandelt die Bevölkerung nicht
als Träger demokratischer Entscheidungen, sondern als Material für eine
Politik, deren Ziele längst feststehen.
In Berlin regiert eine Koalition, die die Kosten
der Krise auf diejenigen abwälzt, die von ihrer Arbeit, ihrer Rente oder
sozialen Leistungen leben müssen. Harte Einschnitte bei Renten,
Gesundheitsversorgung und Sozialversicherung treffen Beschäftigte, Rentner,
Kranke, Erwerbslose und Menschen mit niedrigen Einkommen. Erst nach dem
Wahlschock deutete Finanzminister Lars Klingbeil an, einige Kürzungen könnten
noch einmal überprüft werden. Nicht die vorhersehbaren Folgen für die
Bevölkerung brachten die Regierung zum Nachdenken, sondern die Angst vor dem
Verlust ihrer Ämter und ihrer politischen Macht.
Das legt den Klassencharakter der
Haushaltspolitik offen. Soziale Leistungen erscheinen als jederzeit kürzbare
Ausgaben, obwohl sie aus der Arbeit und den Beiträgen der Bevölkerung
finanziert werden. Die elementaren Bedürfnisse der Menschen stehen unter Finanzierungsvorbehalt.
Die außenpolitischen und militärischen Ziele des Staates dagegen werden für
unantastbar erklärt. Was für Renten, Gesundheit und soziale Sicherheit
angeblich nicht vorhanden ist, steht für die Unterstützung der Ukraine in
gewaltigem Umfang bereit.
Mindestens hundert Milliarden Euro aus
Steuermitteln sind in diese Politik geflossen, und die Summe steigt weiter. Die
arbeitende Bevölkerung wird damit doppelt zur Kasse gebeten. Sie erwirtschaftet
den Reichtum, mit dem der Staat seinen Konfrontationskurs finanziert, und soll
zugleich die Kürzungen hinnehmen, mit denen angebliche Haushaltszwänge
beantwortet werden. Ihre Beiträge, Steuern und Lebensbedingungen werden zur
Verfügungsmasse eines Machtapparats, auf dessen außenpolitische Entscheidungen
sie kaum Einfluss besitzt.
Der Gegensatz zwischen sozialen Bedürfnissen und
militärischer Priorität ist kein Versehen. Der Staat verteilt seine Mittel
entsprechend den Interessen, denen er verpflichtet ist. Renten und
Gesundheitsversorgung sichern die Lebensbedingungen der Bevölkerung. Die
Finanzierung internationaler Konfrontation erweitert dagegen die
außenpolitische Handlungsfähigkeit des herrschenden Blocks. Wenn für die
Bevölkerung Verzicht und für den Kriegskurs Entschlossenheit verlangt werden,
tritt die gesellschaftliche Rangordnung hinter den Haushaltsentscheidungen
unverhüllt hervor.
Die Niederlage in Sachsen-Anhalt hat diese
Rangordnung nicht verändert. Sie hat lediglich den Preis erhöht, den CDU und
SPD für ihre Fortsetzung zahlen müssen. Klingbeils Bereitschaft, einzelne
Kürzungen möglicherweise zu überdenken, ist kein sozialpolitischer Kurswechsel.
Sie ist eine taktische Reaktion auf den drohenden Machtverlust. Sobald die
Gefahr vorüber wäre, bliebe auch die materielle Grundlage der Kürzungspolitik
bestehen.
Der Wahlerfolg der AfD ist deshalb eine soziale
Warnung. Er zeigt, dass die Regierenden den Zusammenhang zwischen materieller
Unsicherheit, politischer Entfremdung und wachsender Opposition verdrängt
haben. Gefährlich ist, dass dieser Protest von rechts gebunden wird. Der
berechtigte Zorn über die Verhältnisse wird nicht zu einer selbständigen
Politik derjenigen, die den gesellschaftlichen Reichtum erarbeiten. Er bleibt
an eine parlamentarische Kraft gebunden, deren Wahlsieg das Parteiensystem
erschüttert, aber die Eigentums- und Machtverhältnisse noch nicht antastet.
Wer daraus folgert, die Wähler müssten belehrt,
beschimpft oder aus dem demokratischen Raum gedrängt werden, bekämpft nicht den
Rechtsruck. Er verteidigt die Verhältnisse, aus denen dieser Rechtsruck
hervorwächst. Solange Sozialabbau, wirtschaftliche Unsicherheit und
Kriegspolitik unangetastet bleiben, kann sich die AfD als einzige Gegnerin des
herrschenden Machtblocks darstellen. Die etablierten Parteien produzieren damit
fortwährend jene Opposition, von der die AfD politisch lebt.
Die Brandmauer
schützt die Herrschenden
Die sogenannte Brandmauer sollte die AfD
politisch isolieren. Tatsächlich wurde sie zu einer Mauer zwischen dem
etablierten Parteienblock und Millionen Menschen, deren Wahlentscheidung als
illegitim, unanständig oder außerhalb des zulässigen Meinungskorridors
behandelt wird. Das Ergebnis von Sachsen-Anhalt ist der Beweis ihres
vollständigen Scheiterns. Die AfD wurde durch die Ausgrenzung nicht geschwächt,
sondern zur stärksten Kraft gemacht.
Die Brandmauer ersetzt keine gesellschaftliche Auseinandersetzung. Sie verschweigt, weshalb Menschen nach rechts abwandern, welche materiellen Erfahrungen ihre Entscheidung prägen und weshalb die bisherigen Regierungsparteien ihre Bindungskraft verlieren. Ihre Funktion besteht darin, den bestehenden Parteienbetrieb als einzig legitimen politischen Raum darzustellen. Opposition wird geduldet, solange sie die Grundlagen der herrschenden Politik nicht gefährdet. Wird sie zu stark, verwandelt sich moralische Ausgrenzung in die Vorbereitung staatlicher Kontrolle.
Eine Demokratie darf Parteien politisch
bekämpfen. Sie muss ihre Programme untersuchen, die hinter ihnen stehenden
Interessen offenlegen und die gesellschaftlichen Folgen ihrer Politik benennen.
Etwas völlig anderes ist es, den politischen Kampf durch die Ächtung der Wähler
zu ersetzen. Zwischen einer Partei, ihren Funktionären und den
unterschiedlichen Motiven ihrer Wähler besteht ein entscheidender Unterschied.
Wer diesen Unterschied bewusst verwischt, betreibt keine Aufklärung, sondern
soziale Verachtung.
Gerade bisherige Nichtwähler erfahren nun, dass
ihre Beteiligung nur erwünscht ist, solange sie das bestehende Kräfteverhältnis
bestätigt. Sie dürfen wählen, sollen aber nicht gegen die Parteien stimmen, die
sich selbst zu alleinigen Garanten der Demokratie ernannt haben. Damit wird
Demokratie auf ein Zustimmungsritual reduziert. Die Bevölkerung darf ihre
Stimme abgeben, aber das Ergebnis soll politisch folgenlos bleiben, sobald es
den Herrschenden missfällt.
Die Brandmauer erfüllt damit eine ideologische
Funktion. Sie lenkt von den Interessen ab, die CDU und SPD mit ihrer Politik
bedienen. Nicht Sozialabbau, Kürzungspolitik, Finanzmacht und militärische
Eskalation sollen im Mittelpunkt der Auseinandersetzung stehen, sondern die
moralische Trennung zwischen einer angeblich anständigen Mitte und einer
ausgegrenzten Opposition. Der reale Gegensatz zwischen oben und unten, zwischen
den Besitzenden und denjenigen, die die Folgen ihrer Entscheidungen tragen,
wird durch einen künstlichen Gegensatz zwischen demokratisch etikettiertem
Zentrum und verachtetem Rand ersetzt.
Das politische Zentrum spricht von Demokratie,
meint aber die ungestörte Fortsetzung seiner Herrschaft. Es erklärt seine
eigene Politik zum Maßstab des Zulässigen und jede grundsätzliche Ablehnung zum
Verdachtsfall. Die Brandmauer ist deshalb kein Ersatz für antifaschistische
Politik. Sie ist ein Instrument zur Stabilisierung eines Machtblocks, der weder
seine soziale Bilanz noch seinen Kriegskurs zur Abstimmung stellen will.
Gerade diese Verschiebung stärkt die AfD. Sie
kann sich als Stimme aller darstellen, die von den bisherigen
Regierungsparteien nicht mehr vertreten werden. Je geschlossener CDU und SPD
ihre Politik als alternativlos verteidigen, desto leichter kann die rechte
Opposition sehr unterschiedliche Formen gesellschaftlicher Unzufriedenheit
unter ihrem Namen sammeln. Die Brandmauer verhindert diesen Prozess nicht. Sie
liefert der AfD die politische Bühne und den Opfermythos, die sie für ihren
weiteren Aufstieg benötigt.
Der Sieg einer rechtsextremen Partei bleibt eine
Gefahr, weil die gesellschaftliche Krise damit nicht in solidarische Gegenwehr,
sondern in eine rechte Opposition mündet. Diese Feststellung rechtfertigt
jedoch weder die Entmündigung der Wähler noch die Behauptung, jede Stimme für
die AfD sei bereits ein Angriff auf die Verfassungsordnung. Wer den Rechtsruck
aufhalten will, muss die materiellen Verhältnisse beseitigen, aus denen er
seine Kraft gewinnt. CDU und SPD sind dazu erkennbar nur bereit, wenn ihre eigene
Machtstellung unmittelbar bedroht ist.
Das
Grundgesetz als Waffe
Besonders bedrohlich ist der Ton, den Merz nach
der Wahl anschlägt. Seine Versicherung, das Grundgesetz gelte auch in
Sachsen-Anhalt, beantwortet keine reale Kontroverse. Niemand hatte die Geltung
der Verfassung in diesem Bundesland bestritten. Die Aussage besitzt deshalb vor
allem den Charakter einer Warnung: Das Wahlergebnis oder eine mögliche
AfD-geführte Landesregierung könnten zum Gegenstand eines rechtlichen und
institutionellen Angriffs gemacht werden.
Ein solcher Kurs wäre keine Verteidigung der
Demokratie, sondern ihre autoritäre Verengung. Die Wahl fand frei und fair
statt. Wer auf ihr Ergebnis mit der Suche nach juristischen Hebeln reagiert,
statt die eigene Politik zu ändern, erklärt den Wählerwillen zum
Sicherheitsrisiko. Das gilt umso mehr, falls sich einzelne CDU-Politiker in
Sachsen-Anhalt einer von der AfD geführten Regierung anschließen sollten. In
Berlin könnte dann der Versuch entstehen, an innerparteilichen Abweichlern ein
Exempel zu statuieren und zugleich die AfD für den Kontrollverlust der
CDU-Führung büßen zu lassen.
Merz ist mit der Brandmauer enger verbunden als
kaum ein anderer Politiker. Ihr Zusammenbruch ist nicht nur eine strategische
Niederlage der CDU, sondern das Scheitern seines gesamten politischen Kurses.
Gerade deshalb wächst die Gefahr einer Eskalation. Eine Führung, die ihre
Autorität, ihre innerparteiliche Disziplin und ihre Regierungsperspektive
zugleich verliert, kann versucht sein, politische Konkurrenz nicht mehr als
Gegner zu behandeln, sondern als administrativ und juristisch zu beseitigendes
Hindernis.
Daran wird die Grenze der bestehenden Demokratie
sichtbar. Solange Wahlen Regierungen hervorbringen, die den grundlegenden Kurs
des Staates fortsetzen, gelten sie als Ausdruck politischer Vernunft. Gefährdet
ein Wahlergebnis jedoch die Herrschaft der etablierten Parteien, soll der
Bereich des demokratisch Zulässigen nachträglich verengt werden. Die Verfassung
erscheint dann nicht mehr als Schutz der Bevölkerung vor staatlicher Willkür,
sondern als Werkzeug, mit dem der Staatsapparat gegen ein unerwünschtes Ergebnis
mobilisiert werden kann.
Recht und Verfassung stehen nicht außerhalb
gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Sie können demokratische Rechte sichern,
aber ebenso zur Waffe derjenigen werden, die über Regierung, Behörden und
institutionelle Macht verfügen. Entscheidend ist, ob sie die Bevölkerung vor
staatlicher Willkür schützen oder ob sie einer gescheiterten Regierung dazu
dienen, die Folgen ihrer Niederlage zu neutralisieren. Wer die Verfassung erst
dann beschwört, wenn die eigene Macht zerbricht, verteidigt nicht notwendig die
Demokratie. Er kann ebenso versuchen, die bestehende Herrschaftsordnung vor der
Bevölkerung zu schützen.
Die bürgerliche Demokratie zeigt hier ihren
widersprüchlichen Charakter. Sie gewährt politische Gleichheit an der Wahlurne,
während die Verfügung über Kapital, Medienmacht und Staatsapparat höchst
ungleich verteilt bleibt. Solange diese materielle Ungleichheit die gewünschten
Mehrheiten hervorbringt, wird das Wahlergebnis gefeiert. Gerät die politische
Verwaltung des Systems in Gefahr, treten die Machtmittel hervor, die hinter der
formalen Gleichheit verborgen liegen.
Demokratie beweist sich nicht darin, dass eine
Regierung angenehme Wahlergebnisse respektiert. Sie beweist sich im Umgang mit
Ergebnissen, die den Herrschenden missfallen. Das Grundgesetz darf nicht zur
Keule werden, mit der sich eine gescheiterte Regierungspolitik gegen ihre
Folgen abschirmt. Verfassungsorgane sind kein Ersatz für die politische
Auseinandersetzung. Rechtsverfahren dürfen nicht zum verlängerten Arm eines
verlorenen Wahlkampfs werden.
Moskau als
Sündenbock
Neben der verfassungsrechtlichen Drohkulisse
zeichnet sich eine zweite Abwehrstrategie ab: Russland soll zum äußeren Urheber
der inneren Niederlage gemacht werden. Stimmen aus dem Umfeld der sogenannten
Zivilgesellschaft haben bereits begonnen, in diese Richtung zu deuten.
Gleichzeitig hält Merz demonstrativ an seinem konfrontativen Kurs gegenüber
Russland fest und erklärt, er werde gerade jetzt nicht davon abrücken.
Damit wird die Ursache der Regierungskrise nach
außen verschoben. Nicht der Sozialabbau, nicht die Kürzungspläne, nicht der
wirtschaftliche Niedergang und nicht die wachsende Ablehnung der Kriegspolitik
sollen das Wahlergebnis erklären, sondern der Einfluss Moskaus. Die AfD kann
auf diese Weise als russisches Werkzeug dargestellt werden, während ihre Wähler
zu Verführten, Unwissenden oder Helfern einer fremden Macht erklärt werden.
Diese Erzählung dient der politischen
Selbstentlastung. Wer seine Niederlage einem äußeren Feind zuschreibt, muss
weder den eigenen Kurs noch die Verteilung der gesellschaftlichen Lasten
überprüfen. Zugleich legitimiert das Feindbild die Fortsetzung genau jener
Konfrontation, gegen die sich ein erheblicher Teil der Bevölkerung wendet. Der
Widerstand gegen die Kriegspolitik wird nicht als berechtigter politischer
Gegensatz behandelt, sondern als verdächtige Nähe zu Russland denunziert.
Die Feindbildproduktion verdeckt den materiellen
Kern der Politik. Die Milliarden für Kiew sind keine abstrakten Zahlen. Sie
stammen aus dem gesellschaftlichen Reichtum, den die arbeitende Bevölkerung
hervorbringt. Über seine Verwendung entscheiden jedoch nicht diejenigen, die
ihn erarbeiten, sondern ein Staatsapparat, der seine außenpolitischen
Machtziele gegen die sozialen Bedürfnisse im Inneren durchsetzt. Internationale
Konfrontation und Sozialabbau sind deshalb keine getrennten Politikfelder. Sie
sind zwei Seiten derselben Herrschaft über gesellschaftliche Ressourcen.
Die Regierung erklärt die Mittel für Krieg und
Konfrontation zur notwendigen Investition, während sie Ausgaben für soziale
Sicherheit als untragbare Last behandelt. Darin zeigt sich die imperialistische
Priorität des Staates: Seine internationale Machtstellung wird höher bewertet
als die Lebensbedingungen der eigenen Bevölkerung. Die Menschen sollen zahlen,
verzichten und die Risiken tragen, während der politische Kurs ihrer
demokratischen Verfügung entzogen wird.
Der Hinweis auf Russland verwandelt den inneren
politischen Konflikt zugleich in eine Frage nationaler Loyalität. Wer den
außenpolitischen Kurs ablehnt, soll nicht mehr als politischer Gegner gelten,
sondern als möglicher Helfer einer fremden Macht. Aus sozialer und politischer
Opposition wird ein Sicherheitsproblem. Der Staatsapparat kann seine Gegner
dann nicht nur kritisieren, sondern ihre Legitimität grundsätzlich bestreiten
und Maßnahmen gegen sie als nationale Selbstverteidigung ausgeben.
Wenn die AfD als äußeres Werkzeug und ihr
Wahlerfolg zugleich als mögliches Verfassungsproblem dargestellt werden,
greifen außenpolitisches Feindbild und innenpolitische Repression ineinander.
Aus einer verlorenen Wahl entsteht die Behauptung, der Staat müsse sich gegen
Teile seiner eigenen Bevölkerung verteidigen. Die Regierenden inszenieren sich
als Schutzmacht der Demokratie, während sie den demokratischen Raum gegenüber
einer unerwünschten Opposition verengen.
Gerade die Bilanz der Berliner Politik macht
diese Flucht in das Feindbild durchsichtig. Die deutsche Wirtschaft wurde
schwer beschädigt, die Gefahr einer direkten militärischen Konfrontation mit
Russland ist gestiegen, und mindestens hundert Milliarden Euro flossen in die
Unterstützung Kiews. Dennoch soll nicht dieser Kurs zur Debatte stehen.
Stattdessen werden seine Gegner unter Generalverdacht gestellt. Das ist keine
Aufarbeitung der Niederlage. Es ist der Versuch, das eigene Versagen durch
äußere Feinde und innere Verräter zu verdecken.
Rechte
Kanalisierung und autoritäre Herrschaft
Es wäre falsch, den Erfolg der AfD zu
verharmlosen. Wenn eine rechtsextreme Partei fast 44 Prozent erreicht, frühere
Nichtwähler mobilisiert, nahezu alle Altersgruppen dominiert und die über
Jahrzehnte regierende CDU deklassiert, hat sich das politische Kräfteverhältnis
grundlegend nach rechts verschoben. Das ist eine Gefahr für alle, die auf
soziale Gleichheit, demokratische Teilhabe und Frieden angewiesen sind. Sie
verschwindet nicht dadurch, dass die AfD auf das reale Versagen der Regierung
verweisen kann.
Die AfD gewinnt ihre Stärke aus Widersprüchen,
die sie nicht hervorgebracht hat. Sozialabbau, wirtschaftliche Unsicherheit,
politische Entfremdung und die Ablehnung des Kriegskurses sind reale
Erfahrungen. Indem eine rechte Partei diese Erfahrungen aufnimmt, werden sie
jedoch nicht zu einer Politik gegen die gesellschaftlichen Ursachen der Krise.
Ein Wechsel parlamentarischer Mehrheiten ist noch kein Bruch mit der Macht des
Kapitals. Entscheidend bleibt, wer über den gesellschaftlichen Reichtum
verfügt, wer die politischen Entscheidungen trifft und wer ihre Kosten tragen
muss.
Hier liegt die erste Gefahr: Die Wut der
arbeitenden Bevölkerung wird nach rechts gelenkt, ohne zu einer eigenständigen
Kraft gegen Ausbeutung, Sozialabbau und Kriegspolitik zu werden. Die AfD
erscheint als Gegnerin des bisherigen Machtblocks, weil CDU und SPD den
sozialen Gegensatz verdecken und jede Opposition gegen ihren Kurs moralisch
ausgrenzen. Der rechte Protest ersetzt den Klassenkampf nicht. Er hält die Wut
innerhalb einer Politik gefangen, die den parlamentarischen Machtwechsel an die
Stelle der Veränderung gesellschaftlicher Machtverhältnisse setzt.
Die zweite Gefahr geht vom herrschenden
Machtblock selbst aus. Der Aufstieg der AfD vollzieht sich nicht außerhalb der
bestehenden Ordnung. Er wächst aus ihrer Krise. Das politische Zentrum hat die
Bedingungen dieses Aufstiegs geschaffen oder verschärft. Es hat soziale
Ansprüche dem Spardiktat untergeordnet, gewaltige Mittel für die Ukrainepolitik
mobilisiert und die Ablehnung dieses Kurses als moralisches Versagen oder
ausländische Beeinflussung diffamiert.
Nun beantwortet dieser Machtblock den Verlust
seiner Zustimmung mit einer Verengung des demokratischen Raums. Die formale
Demokratie wird verteidigt, solange sie die bestehenden Machtverhältnisse
bestätigt. Produziert sie ein unerwünschtes Ergebnis, treten moralische
Ausgrenzung, juristische Drohungen und der Verdacht ausländischer Steuerung an
die Stelle der politischen Auseinandersetzung. Der Schutz der Demokratie wird
zur Rechtfertigung dafür, demokratische Entscheidungen zu entwerten.
Beide Gefahren bilden keinen Gegensatz, sondern
treiben einander an. Auf der einen Seite bindet die AfD den berechtigten
gesellschaftlichen Protest an eine rechte Kraft. Auf der anderen Seite
beantwortet der herrschende Machtblock seinen Autoritätsverlust mit politischer
und institutioneller Abschottung. Je stärker er die soziale Frage verdrängt und
Opposition delegitimiert, desto leichter kann sich die AfD als Stimme der
Ausgeschlossenen darstellen. Je stärker die AfD wird, desto lauter werden
wiederum die Forderungen nach staatlicher Repression.
Diese Spirale nützt beiden Seiten. Die AfD lebt
von der sozialen Verwüstung und der Arroganz der Regierenden. Der herrschende
Machtblock benutzt den Aufstieg der AfD, um sich trotz seiner unsozialen und
kriegerischen Politik als unverzichtbarer Beschützer der Demokratie
darzustellen. Zwischen beiden droht jede selbständige Politik der arbeitenden
Bevölkerung zerrieben zu werden. Die eine Seite kanalisiert den Protest nach
rechts, die andere benutzt den Rechtsruck zur autoritären Befestigung ihrer
Macht.
Ohne
Klassenpolitik kein Ausweg
Die Alternative zu dieser Eskalation besteht
weder in einer Anpassung an die AfD noch in der Fortsetzung der Brandmauer.
Nötig ist die Anerkennung dessen, was die Wahl gezeigt hat: Eine große Zahl von
Menschen verweigert der bisherigen Politik die Zustimmung. Sie lehnt Kürzungen,
wirtschaftlichen Niedergang, politische Bevormundung und die wachsende
Kriegsgefahr ab. Ihre Stimmen dürfen nicht mit der Partei gleichgesetzt werden,
der sie diese Ablehnung anvertraut haben.
Eine demokratische Antwort muss bei den
materiellen Lebensverhältnissen beginnen. Wer Renten, Gesundheitsversorgung und
Sozialversicherung angreift, während gewaltige Summen für den Konflikt in der
Ukraine mobilisiert werden, darf sich über den Verlust gesellschaftlicher
Zustimmung nicht wundern. Wer Nichtwähler nur dann begrüßt, wenn sie für die
etablierten Parteien stimmen, hat Demokratie auf die Bestätigung des
Bestehenden reduziert. Wer nach einer Niederlage zuerst an Verfahren,
Repression und ausländische Einmischung denkt, zeigt, dass ihm die eigene Macht
nähersteht als die politische Selbstbestimmung der Bevölkerung.
Die Rücknahme einzelner Kürzungen wäre nicht
genug. Der Wahlschock mag Klingbeil zu taktischen Zugeständnissen zwingen,
beseitigt aber nicht die gesellschaftliche Logik der Kürzungspolitik. Solange
die Bedürfnisse der Bevölkerung den außenpolitischen Zielen des Staates und den
Interessen des Kapitals untergeordnet bleiben, wird dieselbe Krise in neuen
Formen wiederkehren. Soziale Sicherheit darf kein Almosen sein, das Regierungen
nach Wahlniederlagen gewähren. Sie muss gegen die Machtverhältnisse durchgesetzt
werden, die den Sozialabbau hervorbringen.
Der AfD-Sieg stellt daher tatsächlich eine Gefahr
für die Demokratie dar – aber anders, als es die Verteidiger des Berliner
Kurses behaupten. Er ist gefährlich, weil die tiefe Unzufriedenheit mit
Sozialabbau und Kriegspolitik nach rechts abwandert und innerhalb der
bestehenden Herrschaftsordnung gebunden bleibt. Er wird noch gefährlicher, wenn
die Regierenden darauf mit Verleumdung, juristischen Manövern und offener
Verachtung der Wähler reagieren. Eine solche Politik treibt die
gesellschaftliche Eskalation voran und gefährdet den inneren Frieden.
Die entscheidende Trennlinie verläuft nicht
zwischen einem angeblich demokratischen Zentrum und einer pauschal für
illegitim erklärten Wählerschaft. Sie verläuft zwischen denen, die über
Kapital, Staatsmacht und gesellschaftliche Ressourcen verfügen, und denen, die
arbeiten, Steuern zahlen, von Kürzungen getroffen werden und die Folgen der
außenpolitischen Eskalation tragen. Solange dieser Gegensatz verschleiert
bleibt, kann die rechte Opposition vom berechtigten Zorn profitieren, während
die Verantwortlichen ihre Herrschaft als Verteidigung der Demokratie ausgeben.
Berlin hat seine Konfrontationspolitik bereits
weit getrieben. Es darf den inneren Frieden nicht derselben Logik opfern. Die
Entscheidung von Sachsen-Anhalt muss politisch beantwortet werden: durch den
Kampf um soziale Sicherheit, demokratische Beteiligung und die Verfügung der
Bevölkerung über den von ihr geschaffenen Reichtum. Erforderlich ist eine
Politik, die nicht länger Milliarden für internationale Eskalation
bereitstellt, während sie den Menschen Verzicht, Kürzungen und Unterordnung
abverlangt.
Nur eine selbständige politische Kraft der
arbeitenden Bevölkerung kann diese verhängnisvolle Alternative durchbrechen.
Sie muss sich gleichermaßen gegen die rechte Kanalisierung des Protests und
gegen den autoritären Herrschaftsanspruch des politischen Zentrums richten. Sie
muss die soziale Frage mit dem Kampf gegen Kriegspolitik und demokratische
Entmündigung verbinden. Andernfalls wird die Krise der bestehenden Ordnung
weiter nach rechts treiben, während diejenigen, die sie verursacht haben, unter
dem Vorwand des Demokratieschutzes die Demokratie selbst aushöhlen.


Kommentare
Kommentar veröffentlichen