Vor 155 Jahren wurde Karl Liebknecht geboren
Vor 155
Jahren wurde Karl Liebknecht geboren
Am 13. August 1871 kam in Leipzig Karl Liebknecht zur Welt. Sein
Name steht wie kaum ein anderer in der deutschen Geschichte für den Bruch mit
Militarismus, Kriegspolitik und der Unterordnung der Arbeiterbewegung unter die
Interessen des Staates und des Kapitals. 155 Jahre nach seiner Geburt ist seine
politische Haltung von beklemmender Aktualität: Liebknecht stellte die Frage,
wer an Kriegen verdient, wer für sie bezahlt – und warum Arbeiter aufeinander
schießen sollen, während wirtschaftliche und politische Eliten ihre
Machtinteressen verfolgen.
Geboren in eine
Familie der Arbeiterbewegung
Karl
Liebknecht wurde am 13. August 1871 in Leipzig geboren, in der damaligen
Braustraße 11, dem heutigen Haus Braustraße 15. An diesem Ort erinnert noch
immer eine Gedenktafel an seine Geburt. Die Angabe ist durch mehrere
voneinander unabhängige historische und wissenschaftliche Einrichtungen
bestätigt. Dass sich in verschiedenen Darstellungen die Hausnummern 11 und 15
finden, ist kein Widerspruch, sondern Folge einer späteren Umnummerierung der
Straße.
Sein
Vater Wilhelm Liebknecht gehörte gemeinsam mit August Bebel zu den prägenden
Persönlichkeiten der frühen deutschen Sozialdemokratie. Karl wuchs damit nicht
in einem politisch neutralen Elternhaus auf, sondern mitten in einer Bewegung,
die sich gegen die bestehenden Eigentums- und Machtverhältnisse des
Kaiserreichs organisierte. Sozialistische Diskussionen, politische Verfolgung
und die Auseinandersetzung mit einem Staat, der die organisierte
Arbeiterbewegung als Gefahr betrachtete, gehörten zur Lebenswelt der Familie.
Auch
Karl Marx spielte im Umfeld der Liebknechts eine besondere Rolle und wird als
Taufpate Karls genannt. Liebknecht wurde in der Leipziger Thomaskirche getauft.
Die politische Bedeutung solcher familiären Verbindungen sollte allerdings
nicht romantisiert werden. Entscheidend war nicht eine symbolische Patenschaft,
sondern die gesellschaftliche Wirklichkeit, in der Liebknecht aufwuchs: ein
Deutschland der raschen Industrialisierung, des wachsenden Reichtums weniger
Eigentümer und zugleich der politischen Entrechtung großer Teile der
arbeitenden Bevölkerung.
Die
staatliche Repression traf die Familie unmittelbar. 1881 wurde Wilhelm
Liebknecht im Zusammenhang mit dem Sozialistengesetz und dem sogenannten
Kleinen Belagerungszustand aus Leipzig ausgewiesen. Seine Frau Natalie blieb
zunächst mit den fünf Söhnen in der Stadt. Die Familie zog vom Geburtshaus an
den damaligen Südplatz 11. Die Kinder besuchten den ausgewiesenen Vater in
Borsdorf. Erst nach dem Ende des Sozialistengesetzes zog die Familie 1890 nach
Charlottenburg.
Der
junge Karl Liebknecht lernte damit früh, dass der bürgerliche Staat gegenüber
politischen Gegnern keineswegs jene Neutralität kennt, die ihm später gern
zugeschrieben wurde. Wo Eigentum, Herrschaft und gesellschaftliche Ordnung
gefährdet schienen, griff er zu Verboten, Ausweisungen und Gefängnis.
Jurist auf der Seite
der Verfolgten
Liebknecht
besuchte das Leipziger Nicolai-Gymnasium und schrieb sich am 16. April 1890 an
der Universität Leipzig ein. Noch im selben Jahr setzte er sein Studium in
Berlin fort. Nach dem Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger absolvierte er
sein Referendariat. 1897 promovierte er an der Universität Würzburg mit einer
juristischen Arbeit über das Kompensationsrecht; die Promotion wurde mit magna
cum laude bewertet.
1899
begann er gemeinsam mit seinem Bruder Theodor als Rechtsanwalt in Berlin zu
arbeiten. Doch seine juristische Tätigkeit blieb mit seiner politischen
Entwicklung verbunden. Liebknecht verstand die Rechtsordnung nicht als über den
gesellschaftlichen Konflikten schwebendes neutrales System. Er erlebte, wie
politische und soziale Macht in Gesetze, Gerichte und staatliche Gewalt
übersetzt wurde.
1900
trat er der SPD bei. Zwei Jahre später wurde er Berliner Stadtverordneter und
behielt dieses Mandat bis 1913. Zugleich engagierte er sich international und
gehörte zu den Mitbegründern der Sozialistischen Jugendinternationale.
Gerade
die Arbeit unter jungen Menschen hatte für Liebknecht eine strategische
Bedeutung. Der Militarismus des Kaiserreichs begann nicht erst auf dem
Schlachtfeld. Er griff bereits in Schule, Familie, Öffentlichkeit und
Arbeitswelt ein. Der Untertan sollte lernen zu gehorchen, bevor er Soldat
wurde. Der Arbeiter sollte sich als Deutscher gegen den französischen,
russischen oder britischen Arbeiter stellen, obwohl seine unmittelbaren
sozialen Interessen ihn mit diesen weit stärker verbanden als mit den deutschen
Fabrikbesitzern, Bankiers und Großgrundbesitzern.
Militarismus als
Herrschaftssystem
1907
veröffentlichte Liebknecht seine Schrift Militarismus und Antimilitarismus.
Sie wurde zu einem Schlüsseltext seiner politischen Arbeit. Militär und Krieg
erschienen darin nicht als isolierte Erscheinungen, sondern als Bestandteil
einer Gesellschaftsordnung, die nach außen Konkurrenz zwischen Staaten und nach
innen Unterordnung der arbeitenden Bevölkerung erzeugte.
Das
war der Kern seines Antimilitarismus: Armeen dienten nicht nur dazu, äußere
Gegner zu bekämpfen. Sie stabilisierten zugleich die bestehende Klassenordnung.
Der Militarismus erzeugte Disziplin, Nationalismus und Gehorsam. Er sollte
soziale Gegensätze hinter der Vorstellung einer angeblich gemeinsamen
nationalen Sache verschwinden lassen.
Für
diese Position wurde Liebknecht zu achtzehn Monaten Festungshaft verurteilt.
Die Repression machte deutlich, wie empfindlich das Kaiserreich auf einen
Angriff gegen die ideologische Grundlage seiner Militärmacht reagierte. Die
Regierung konnte Arbeiterparteien dulden, solange deren Opposition innerhalb
kontrollierbarer Grenzen blieb. Antimilitarismus wurde dort gefährlich, wo er
die Loyalität der Arbeiter gegenüber Staat, Armee und herrschender Klasse
grundsätzlich in Frage stellte.
Diese
Analyse gewann angesichts des europäischen Wettrüstens immer größere Bedeutung.
Der Konkurrenzkampf der Industriestaaten um Absatzmärkte, Rohstoffe, Kolonien
und strategischen Einfluss verschärfte sich. Hinter den nationalen Parolen
standen materielle Interessen: Rüstungsunternehmen profitierten von immer neuen
Aufträgen, Banken finanzierten Expansion und staatliche Machtpolitik, während
die Kosten auf die Bevölkerung abgewälzt wurden.
Liebknecht
griff diese Verbindung von Kapital und Rüstung auch parlamentarisch an. Nach
der Reichstagswahl von 1912, bei der die SPD mit 34,8 Prozent stärkste
politische Kraft geworden war, zog er in den Reichstag ein. Dort attackierte er
die Rüstungsindustrie und warnte vor den Kräften, die auf eine militärische
Konfrontation hinarbeiteten.
Der Zusammenbruch vom
August 1914
Als im
Sommer 1914 der Erste Weltkrieg begann, zeigte sich, wie wenig parlamentarische
Stärke bedeutet, wenn eine Arbeiterpartei ihre eigene politische Grundlage
aufgibt.
Noch
unmittelbar vor Kriegsbeginn hatte die sozialdemokratische Presse vor einem
europäischen Gemetzel gewarnt. Die Partei hatte jahrzehntelang erklärt, die
Arbeiter verschiedener Länder hätten kein Interesse daran, sich für die
Machtansprüche ihrer Regierungen gegenseitig zu töten. Doch als es darauf
ankam, brach die SPD-Führung mit dieser Haltung.
Am 4.
August 1914 stimmte die sozialdemokratische Reichstagsfraktion den
Kriegskrediten zu. Sie fügte sich in den sogenannten Burgfrieden: Der innere
gesellschaftliche Konflikt sollte für die Dauer des Krieges zurückgestellt
werden, die Arbeiterbewegung sich hinter Kaiser, Regierung und Militär stellen.
Auch
Karl Liebknecht stimmte an diesem Tag im Reichstag für die Kredite. Er hatte
sich zuvor innerhalb der Fraktion gegen die Zustimmung ausgesprochen, unterwarf
sich bei der Abstimmung jedoch der Fraktionsdisziplin.
Gerade
dieser Punkt ist für seine politische Bedeutung entscheidend. Liebknecht wurde
nicht als fertiger Held geboren. Auch er wich zunächst vor dem Druck der
eigenen Organisation zurück. Doch er korrigierte diese Entscheidung – und nahm
dafür Isolation, Verfolgung und Gefängnis in Kauf.
Die
SPD-Führung dagegen machte aus der Anpassung eine politische Linie. Die Partei,
die als Organisation der Arbeiterklasse groß geworden war, band ihre Millionen
Anhänger an die Kriegsziele des Kaiserreichs. Aus internationaler Solidarität
wurde nationale Disziplin.
Damit
vollzog sich ein historischer Bruch. Die Arbeiter sollten nun auf französische,
britische und russische Arbeiter schießen, nicht weil ihre sozialen Interessen
einander widersprachen, sondern weil konkurrierende Staaten ihre
wirtschaftlichen und geopolitischen Konflikte militärisch austrugen.
Eine Stimme gegen die
Kriegskredite
Am 2.
Dezember 1914 kam es zur nächsten Abstimmung über Kriegskredite. Diesmal
verweigerte Liebknecht die Gefolgschaft.
Als
einziger Reichstagsabgeordneter stimmte er gegen die Bewilligung.
Sein
Nein war mehr als eine moralische Geste. Liebknecht begründete seine Ablehnung
politisch und ökonomisch. Er betrachtete den Krieg nicht als Verteidigung der
arbeitenden Bevölkerung, sondern als imperialistischen Konflikt um Weltmärkte,
politische Einflusszonen und die Interessen von Industrie- und Bankkapital.
Zugleich erkannte er im Krieg ein Mittel, die erstarkte Arbeiterbewegung zu
disziplinieren und die gesellschaftlichen Gegensätze unter nationalistischen
Parolen zu begraben.
Damit
stellte er die entscheidende Frage, die jede Kriegspropaganda vermeiden muss:
Wer verfolgt welche Interessen?
Die
Regierung sprach vom Vaterland. Liebknecht sprach über Kapital, Märkte, Rüstung
und Macht. Die Regierung verlangte nationale Geschlossenheit. Liebknecht
erinnerte daran, dass eine Gesellschaft aus Klassen mit gegensätzlichen
Interessen bestand. Die Regierung forderte Opfer. Liebknecht fragte, wer diese
Opfer bringen sollte – und wer von Krieg und Aufrüstung profitierte.
Seine
Ablehnung richtete sich deshalb nicht gegen die Bevölkerung anderer Länder. Im
Gegenteil: Er bestand auf der internationalen Solidarität der Arbeiter. Ein
Frieden konnte für ihn nicht auf Eroberungen, Demütigung und Unterwerfung
beruhen. Er musste den Interessen der Bevölkerungen entsprechen, nicht den
Expansionszielen ihrer Regierungen.
Das
machte sein Nein so gefährlich. Es entzog dem Krieg jene ideologische
Grundlage, ohne die moderne Massenkriege kaum geführt werden können: die
Vorstellung, die Interessen von Regierung, Unternehmern, Banken und arbeitender
Bevölkerung seien im nationalen Konflikt identisch.
Nicht die
Arbeiter haben gemeinsame Interessen mit ihren Generälen
Die
Bedeutung von Liebknechts Haltung liegt bis heute darin, dass sie den
Nationalstaat nicht zum höchsten politischen Maßstab erhebt.
Für
Beschäftigte entscheidet sich die Kriegsfrage nicht danach, welche Fahne über
einem Ministerium weht. Entscheidend ist, welche gesellschaftlichen Gruppen
Krieg vorbereiten, welche ökonomischen Interessen dahinterstehen und wer die
Folgen trägt.
Arbeiter
verlieren im Krieg ihre Gesundheit, ihre Angehörigen und oft ihr Leben. Die
Bevölkerung bezahlt Aufrüstung über Steuern, sinkende soziale Ausgaben und
materielle Entbehrungen. Unternehmer der Rüstungsindustrie dagegen erhalten
staatlich garantierte Aufträge. Wirtschaftliche Macht kann sich im Krieg weiter
konzentrieren, während oppositionelle Bewegungen unter dem Hinweis auf
nationale Sicherheit diszipliniert werden.
Liebknecht
verstand diese Verbindung von äußerer Expansion und innerer Herrschaft
ungewöhnlich klar. Der Militarismus richtete sich nach außen gegen
konkurrierende Staaten und nach innen gegen jene Kräfte, die die bestehende
Eigentumsordnung in Frage stellten.
Gerade
deshalb genügte es ihm nicht, pazifistisch an die Vernunft der Regierenden zu
appellieren. Frieden war für ihn eine soziale und politische Frage. Solange
wirtschaftliche Konkurrenz, koloniale Expansion, Rüstungsinteressen und
staatliche Machtpolitik unangetastet blieben, konnten neue Kriege immer wieder
vorbereitet werden.
Gefängnis statt Burgfrieden
Die
Konsequenzen ließen nicht lange auf sich warten.
Liebknecht
wurde zum Militär eingezogen und damit politisch erheblich eingeschränkt.
Dennoch setzte er seine Agitation gegen den Krieg fort. Gemeinsam mit Rosa
Luxemburg wurde er zu einer zentralen Figur der oppositionellen sozialistischen
Bewegung, aus der der Spartakusbund hervorging.
Am 1. Mai
1916 beteiligte sich Liebknecht in Berlin an einer Antikriegsdemonstration und
trat offen gegen die Regierung und den Krieg auf. Er wurde verhaftet und erneut
eingesperrt.
Der Staat
zeigte damit, wie weit die viel beschworene nationale Einheit tatsächlich
reichte: Zustimmung durfte organisiert werden, Widerstand wurde kriminalisiert.
Wer Arbeiter aufforderte, die Interessen hinter dem Krieg zu erkennen,
gefährdete aus Sicht der Herrschenden nicht nur die militärische Disziplin,
sondern die politische Ordnung insgesamt.
Während
Millionen Soldaten in den Schützengräben starben und die Zivilbevölkerung unter
Hunger und Entbehrungen litt, blieb der grundsätzliche Gegensatz bestehen, den
Liebknecht schon vor dem Krieg benannt hatte. Die Masse der Bevölkerung sollte
Opfer bringen für politische Ziele, über die sie selbst nicht entschieden
hatte.
Die kleine
Minderheit der Kriegsgegner wuchs erst langsam. 1917 kam es zu größeren Streiks
in der Metallindustrie. Die soziale Erschöpfung des Krieges, Hunger, Tod und
politische Radikalisierung griffen ineinander. Im Herbst 1918 zerbrach
schließlich die alte Ordnung.
Revolution 1918
Liebknecht kam Ende
Oktober 1918 aus der Haft frei. Wenige Tage später weitete sich der
Matrosenaufstand von Kiel zur Revolution aus. Arbeiter- und Soldatenräte
entstanden, die Monarchie brach zusammen.
Am 9. November 1918
standen sich zwei Vorstellungen von Republik gegenüber.
Philipp Scheidemann von
der SPD rief vom Reichstagsgebäude die Republik aus. Liebknecht proklamierte
wenig später vom Berliner Schloss aus eine sozialistische Republik.
Hinter dieser
symbolischen Konkurrenz lag ein grundlegender Konflikt. Sollte nach dem
Zusammenbruch des Kaiserreichs lediglich die politische Spitze ausgewechselt
werden, während Eigentumsverhältnisse, Verwaltung, Militärführung und
wirtschaftliche Macht weitgehend unangetastet blieben? Oder sollte die
Revolution auch die gesellschaftlichen Grundlagen verändern, die Militarismus
und Krieg hervorgebracht hatten?
Für Liebknecht war die
Antwort klar. Eine Republik, in der Banken, Großindustrie und alte
Machtapparate ihre Stellung bewahrten, reichte nicht aus. Politische Demokratie
ohne Veränderung der ökonomischen Herrschaft blieb begrenzt.
Im Dezember 1918 gehörten
Liebknecht und Rosa Luxemburg zu den prägenden Kräften bei der Gründung der
Kommunistischen Partei Deutschlands.
Doch die
Kräfteverhältnisse waren ungünstig. Die SPD-Führung setzte nicht auf eine
gemeinsame Umgestaltung mit der revolutionären Arbeiterbewegung, sondern auf
die Stabilisierung der bestehenden staatlichen Ordnung. Sie suchte die
Zusammenarbeit mit jenen militärischen Kräften, die aus dem Kaiserreich
hervorgegangen waren.
Damit setzte sich der
Bruch von 1914 in neuer Form fort. Damals hatte die SPD-Führung die
Arbeiterbewegung dem Kriegskurs des Kaiserreichs untergeordnet. 1918 und 1919
stellte sie den Schutz der bestehenden Ordnung über die sozialistische
Veränderung, für die die Partei jahrzehntelang eingetreten war.
Mord als Antwort auf
die Revolution
Im
Januar 1919 eskalierte der Konflikt in Berlin. Freikorps wurden gegen
revolutionäre Arbeiter eingesetzt. Diese Verbände bestanden vielfach aus
militärisch geprägten, republikfeindlichen und extrem rechten Kräften.
Am
15. Januar 1919 wurden Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg festgenommen und
ermordet.
Damit
endete Liebknechts Leben im Alter von nur 47 Jahren. Doch sein Tod machte
zugleich sichtbar, wie weit die herrschenden Kräfte zu gehen bereit waren, als
eine soziale Revolution die Eigentums- und Machtordnung Deutschlands
unmittelbar herausforderte.
Die
Geschichte seiner Ermordung lässt sich deshalb nicht vom Verlauf der Revolution
trennen. Es ging nicht nur um persönliche Feindschaften oder politische
Überhitzung. Auf dem Spiel stand die Frage, wer nach dem Zusammenbruch des
Kaiserreichs über Staat, Produktion und gesellschaftliche Entwicklung verfügen
sollte.
Die
revolutionären Arbeiter hatten die Monarchie zu Fall gebracht. Doch die
wirtschaftliche Macht des Kapitals war damit nicht gebrochen. Ebenso wenig
waren die alten militärischen und administrativen Strukturen vollständig
verschwunden. Die neue Ordnung entstand aus einem Bündnis, das die politische
Revolution begrenzte, sobald sie die Eigentumsfrage berührte.
Liebknechts unbequemes Erbe
155 Jahre
nach seiner Geburt lässt sich Karl Liebknecht leicht in eine ungefährliche
historische Figur verwandeln. Man kann Blumen niederlegen, Straßenschilder
betrachten und Jahrestage begehen.
Schwieriger
ist es, seine politischen Fragen ernst zu nehmen.
Liebknecht
widersprach nicht erst einem Krieg, nachdem dessen Katastrophe offensichtlich
geworden war. Er analysierte bereits zuvor die gesellschaftlichen Kräfte, die
Militarismus hervorbrachten. Er erkannte, dass Aufrüstung nicht von sozialen
Interessen getrennt werden kann. Und er bestand darauf, dass die Arbeiter
verschiedener Länder mehr miteinander verbindet als mit den Herrschenden des
jeweils eigenen Staates.
Sein
berühmtestes politisches Handeln bestand deshalb aus einem einzigen Wort: Nein.
Doch dieses
Nein war nur möglich, weil ihm eine Analyse vorausging. Wer Krieg allein als
Konflikt guter und böser Regierungen betrachtet, bleibt innerhalb der Logik der
Kriegsparteien. Liebknecht fragte nach Eigentum, Klasseninteressen, Märkten,
Rüstungsprofiten und staatlicher Macht.
Darin liegt
seine bleibende Aktualität.
Eine
politische Linke, die über Krieg spricht, ohne die Interessen von
Rüstungskapital, Banken, Industrie, Staat und geopolitischen Machtblöcken zu
untersuchen, gibt einen zentralen Bestandteil linker Politik preis. Wer die
eigene Regierung nur deshalb von der Kritik ausnimmt, weil der Gegner als
größere Bedrohung dargestellt wird, wiederholt jene Logik, mit der 1914 aus
Internationalisten plötzlich Verteidiger des nationalen Burgfriedens wurden.
Liebknechts
Haltung verlangt keinen unhistorischen Vergleich verschiedener Kriege. Sie
verlangt etwas Grundsätzlicheres: gegenüber jeder Regierung dieselben Fragen zu
stellen.
Wer
profitiert?
Wer bezahlt?
Wer stirbt?
Welche
wirtschaftlichen Interessen werden verteidigt?
Welche
gesellschaftlichen Gruppen gewinnen durch Aufrüstung an Macht?
Und welche
sozialen Forderungen sollen verstummen, weil angeblich gerade nicht die Zeit
dafür ist?
Ein Nein, das
155 Jahre später noch herausfordert
Karl
Liebknecht war kein makelloser politischer Heiliger. Am 4. August 1914
unterwarf auch er sich zunächst der Fraktionsdisziplin. Gerade deshalb besitzt
seine spätere Entscheidung Gewicht. Er erkannte seinen Fehler, brach mit dem
Anpassungsdruck und stellte sich schließlich allein gegen eine überwältigende
parlamentarische Mehrheit.
Dazu
gehörte persönlicher Mut. Entscheidend war jedoch der politische Inhalt dieses
Mutes.
Liebknecht
stellte die Solidarität der arbeitenden Bevölkerung über die Loyalität zum
eigenen Staat. Er verweigerte sich der Vorstellung, Arbeiter müssten die
wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen ihrer Herrschenden zu ihren
eigenen erklären. Er begriff Frieden nicht als sentimentalen Wunsch, sondern
als Kampf gegen jene gesellschaftlichen Verhältnisse, aus denen Konkurrenz,
Aufrüstung und Krieg immer wieder hervorgehen.
Am
13. August 2026 jährt sich seine Geburt zum 155. Mal.
Das
Geburtshaus in Leipzig erinnert an einen Mann, dessen Name längst Teil der
deutschen Geschichte ist. Doch Liebknechts eigentliches Vermächtnis besteht
nicht aus einer Gedenktafel.
Es
besteht in einer politischen Zumutung: Auch dann Nein zu sagen, wenn fast alle
Ja sagen – und dieses Nein nicht auf Moral zu beschränken, sondern die Macht-
und Eigentumsverhältnisse offenzulegen, die hinter dem Ruf nach nationaler
Geschlossenheit stehen.
Solange
Regierungen Milliarden für Aufrüstung mobilisieren können, während bei
Wohnungen, Bildung, Gesundheit und sozialer Sicherheit um jeden Betrag
gestritten wird, bleibt diese Frage aktuell. Solange Beschäftigte für
Interessen gegeneinander aufgebracht werden, über die sie selbst kaum verfügen,
bleibt Liebknechts Internationalismus aktuell. Und solange Krieg als Schicksal
erscheint, statt als Ergebnis konkreter politischer und ökonomischer
Entscheidungen untersucht zu werden, bleibt auch sein Antimilitarismus aktuell.
155
Jahre nach seiner Geburt ist Karl Liebknecht deshalb nicht nur eine Gestalt der
Vergangenheit.
Er
ist eine unbequeme Erinnerung daran, dass Frieden dort beginnt, wo Menschen
sich weigern, die Interessen der Herrschenden mit ihren eigenen zu verwechseln.


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