Rechtsruck mit sozialem Treibstoff
Rechtsruck mit sozialem Treibstoff
Der Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt
ist kein Betriebsunfall und kein bloßer Ausdruck kultureller Unzufriedenheit.
Er ist das politische Ergebnis einer gesellschaftlichen Ordnung, in der die
große Mehrheit ihre Arbeitskraft verkaufen muss, während eine kleine Minderheit
über Eigentum, Investitionen und die Richtung der Wirtschaft entscheidet.
Soziale Unsicherheit, sinkende politische Einflussmöglichkeiten und die
Entfremdung zwischen Regierenden und Regierten verschaffen der AfD Zulauf. Sie
tritt als Gegnerin des Establishments auf, ohne die Klassenherrschaft
anzutasten, von der dieses Establishment lebt.
Der Rechtsruck verarbeitet sozialen Zorn in
einer Form, die seine Ursachen verschleiert. An die Stelle des Gegensatzes
zwischen Kapital und Arbeit setzt die AfD den Gegensatz zwischen Deutschen und
Nichtdeutschen, zwischen „Volk“ und „Altparteien“, zwischen nationaler
Gemeinschaft und angeblichen inneren Feinden. Wer diesen Mechanismus hinter
Koalitionsarithmetik, moralischer Empörung oder bloßer Wahlkampfrhetorik
verschwinden lässt, überlässt der Rechten weiterhin die politische Deutung der
sozialen Krise.
Die Niederlage reicht über die CDU hinaus
Die Niederlage der CDU trifft auch
Bundeskanzler Friedrich Merz. Der AfD-Erfolg stellt eine Politik infrage, die
ihren Kurs gegen wachsenden Unmut verteidigt, ohne dessen gesellschaftliche
Ursachen zu korrigieren. Merz setzt auf eine bessere Vermittlung seines
Reformkurses. Für Menschen, die ihre materielle Lage als bedrückend erleben,
ist das keine Antwort. Sie wollen nicht ausführlicher erklärt bekommen, warum
sie verzichten, länger arbeiten oder mit weniger staatlicher Unterstützung
auskommen sollen. Sie wollen, dass sich ihre Lebensbedingungen verändern.
Die politische Klasse behandelt soziale
Unzufriedenheit damit als Kommunikationsproblem. Doch die Krise liegt nicht
darin, dass die Bevölkerung die Politik des Kapitals noch nicht verständlich
genug erklärt bekommen hätte. Sie liegt darin, dass diese Politik die
Interessen der Eigentümer schützt und die Kosten ihrer Durchsetzung auf die
Lohnabhängigen abwälzt. Wenn Sozialleistungen gekürzt, öffentliche
Einrichtungen abgebaut und Arbeitsbedingungen verschärft werden, handelt es
sich nicht um Missverständnisse, sondern um Klassenpolitik.
So kann sich die AfD als Gegenkraft
präsentieren, obwohl ihr wirtschaftspolitisches Angebot keinen Bruch mit den
grundlegenden Eigentums- und Machtverhältnissen erkennen lässt. Der
Vertrauensverlust der Regierenden wird zum politischen Vermögen der rechten
Konkurrenz. Eine soziale Alternative entsteht dadurch nicht. Die AfD nutzt den
Widerspruch zwischen dem Bedürfnis nach Veränderung und der Fortsetzung
kapitalistischer Abhängigkeit, um die Unzufriedenheit national umzulenken.
Stattdessen konzentriert sich die Debatte
darauf, wie die AfD von Regierungsämtern ferngehalten oder in bestehende
Abläufe eingebunden werden könnte. Diese Fragen sind politisch nicht belanglos.
Sie beantworten jedoch nicht die Interessen von Beschäftigten, Rentnern und
Menschen mit niedrigen Einkommen. Für sie entscheidet sich der Wert politischer
Veränderung daran, ob ihre Abhängigkeit vom Lohn, von staatlichen Almosen und
von den Entscheidungen privater Eigentümer abnimmt.
Wenn soziale Not nach rechts gelenkt wird
Im Wahlkampf verband die AfD
Unzufriedenheit mit einem starken Gemeinschaftsangebot. Ihre Veranstaltungen
boten Nähe, Zugehörigkeit und die Erfahrung, gemeinsam gegen etablierte
Parteien aufzutreten. Um Spitzenkandidat Ulrich Siegmund entwickelte sich eine
ausgeprägte Personalisierung. Fotos, Autogramme und die Begeisterung für einen
vermeintlichen politischen Retter drängten die Prüfung konkreter Vorhaben in
den Hintergrund.
Auch Rentner, Niedriglöhner und Menschen
mit gesundheitlichen Einschränkungen berichteten dort von Armut und schwierigen
Lebensverhältnissen. Diese Schilderungen stehen nicht für die gesamte
Wählerschaft, machen aber einen zentralen Widerspruch sichtbar: Menschen
verbinden mit der AfD die Hoffnung auf einen materiellen Ausweg, obwohl deren
Politik die kapitalistischen Ursachen ihrer Lage nicht angreift.
Der Wunsch, überhaupt müsse sich etwas
ändern, besitzt unter solchen Bedingungen große politische Kraft. Er kann die
entscheidende Frage verdrängen: Was soll sich ändern, für wen und auf wessen
Kosten? Wer sich dauerhaft übergangen fühlt, misst einer demonstrativen Absage
an die Regierenden mitunter größeren Wert bei als den absehbaren Folgen des
gewählten Programms. Das erklärt den Zugang zur rechten Mobilisierung,
entlastet aber weder die Partei noch ihre Anhänger von der Verantwortung für
deren Konsequenzen.
Die AfD bietet keine Aufhebung sozialer
Gegensätze an, sondern ihre nationale Verkleidung. Sie verspricht den
Lohnabhängigen Anerkennung als Teil eines „Volkes“, ohne ihre Stellung im
Produktionsprozess zu verändern. Der Arbeiter bleibt abhängig vom Lohn, der
Rentner von einer unzureichenden Rente, der Erwerbslose von den Entscheidungen
der Behörden. Nur der Schuldige wird ausgetauscht: Nicht mehr die
Eigentumsverhältnisse und die Profitlogik sollen verantwortlich sein, sondern
Migranten, Geflüchtete, Linke oder eine angeblich volksferne politische Klasse.
Eine marxistische Kritik muss diesen
Zusammenhang ernst nehmen, ohne die Betroffenen zu verhöhnen. Armut macht
rechte Entscheidungen weder zwangsläufig noch folgenlos. Soziale Verachtung
liefert der AfD jedoch zusätzliches Material für ihre Selbstdarstellung als
Anwalt der Missachteten. Nötig ist eine Auseinandersetzung, die den
berechtigten Wunsch nach Sicherheit von politischen Angeboten trennt, die ihn
für eine weitere Verschärfung gesellschaftlicher Hierarchien nutzen.
Unternehmerinteressen hinter dem Protestbild
Die Schwäche des rechten
Oppositionsversprechens zeigt sich dort, wo sich Teile der Unternehmerschaft
der AfD zuwenden. Eine wachsende Offenheit des ostdeutschen Mittelstands
gegenüber der Partei wurde bereits vor der Wahl diskutiert. Auch Verbindungen zum
konservativen Milieu gehören zu diesem Zusammenhang. Siegmunds frühere
Zugehörigkeit zur CDU unterstreicht, dass die personellen Grenzen zwischen
beiden politischen Feldern durchlässig sind.
Daraus folgt nicht, dass alle Unternehmer
dieselben Interessen verfolgen oder jeder Konflikt zwischen CDU und AfD
gespielt wäre. Es widerlegt jedoch das Bild einer AfD, die außerhalb
wirtschaftlicher Machtverhältnisse gegen deren Nutznießer antritt. Unternehmerische
Unterstützung verlangt eine Erklärung, die über die Selbstdarstellung als
Protestpartei hinausgeht. Offenbar sehen zumindest Teile dieses Milieus ihre
Interessen durch einen rechten Wahlerfolg nicht grundsätzlich bedroht.
Das ist kein Widerspruch, sondern Ausdruck
der Klassenbasis rechter Politik. Die AfD kann zugleich soziale Not rhetorisch
aufnehmen und die Interessen von Eigentümern vertreten. Gerade weil sie den
Klassenantagonismus national verschleiert, ist sie für Teile des Kapitals
attraktiv. Sie verspricht Ordnung, Disziplinierung der Arbeitskraft, Abwehr von
Migration und eine Stärkung staatlicher Autorität, ohne die Verfügung über
Produktionsmittel infrage zu stellen.
Für Beschäftigte ist das entscheidend. Ein
Wechsel unternehmerischer Sympathien verändert zunächst die bevorzugte
politische Vertretung, nicht das Verhältnis zwischen denen, die über
wirtschaftliche Mittel verfügen, und denen, die ihren Lebensunterhalt durch
Arbeit bestreiten müssen. Wer aus einem neuen Parteinamen auf eine Umkehr
sozialer Prioritäten schließt, verwechselt den Wettbewerb um Regierungsmacht
mit einer Veränderung gesellschaftlicher Machtverhältnisse.
Die Auseinandersetzung mit der AfD müsste
daher konkret fragen: Welche ihrer Vorhaben verbessern die Lage von Menschen
mit niedrigen Einkommen? Welche Interessen bestimmen ihre Wirtschaftspolitik?
Wie passen die Hoffnungen sozial benachteiligter Anhänger zur Unterstützung aus
Unternehmerkreisen? Wer profitiert von der geforderten Senkung von Löhnen,
Sozialleistungen und öffentlichen Ausgaben? Diese Fragen treffen den
Widerspruch ihres Angebots genauer als eine Debatte über Auftritte, Tabubrüche
und persönliche Provokationen.
Die Grenzen der Abgrenzung
Die Abgrenzung gegenüber der AfD verliert
an Überzeugungskraft, wenn sie mit der Verteidigung jenes Kurses verbunden
wird, gegen den sich ein Teil der Unzufriedenheit richtet. Wer sozialen Druck
verschärft und zugleich Zustimmung im Namen der Demokratie verlangt, stellt
Betroffene vor eine Zumutung: Sie sollen die bestehende Ordnung gegen rechts
verteidigen, während ihre materiellen Interessen kaum vorkommen.
Die bürgerliche Demokratie garantiert
formale politische Rechte, hebt aber die ökonomische Abhängigkeit der
Lohnabhängigen nicht auf. Wer im Betrieb nichts zu entscheiden hat, über die
Verwendung des gesellschaftlichen Reichtums nicht bestimmen kann und von der
Gnade des Arbeitsmarktes abhängig bleibt, besitzt auch außerhalb des Wahllokals
nur begrenzte politische Macht. Die Verteidigung demokratischer Formen darf
deshalb nicht mit der Verteidigung jener Eigentumsverhältnisse verwechselt
werden, die diese Machtlosigkeit hervorbringen.
Unterschiede zwischen den Parteien sind
damit nicht bedeutungslos. Für Menschen, die von rassistischer Ausgrenzung
betroffen sind, und für politische Gegner der Rechten kann die Zusammensetzung
einer Regierung erhebliche Folgen haben. Daraus ergibt sich aber kein Freibrief
für die übrigen Parteien. Eine glaubwürdige Gegenposition muss die rechte
Bedrohung zurückdrängen und zugleich die sozialen Verhältnisse verändern, unter
denen diese Bedrohung Zustimmung gewinnt.
Für die Linkspartei stellt sich die Frage,
welchen politischen Preis eine Annäherung an die CDU unter dem Ziel der
AfD-Verhinderung hätte. Wo eine eigenständige soziale Position hinter der
Sicherung konservativer Regierungsfähigkeit verschwindet, droht auch die
erkennbare Alternative zu verschwinden. Die AfD könnte sich weiterhin als
einzige Kraft darstellen, die mit dem politischen Betrieb bricht, obwohl sie
zentrale wirtschaftliche Interessen dieses Betriebs nicht angreift.
Der Kampf gegen rechts braucht deshalb
einen eigenständigen Klassenstandpunkt. Er darf nicht bei Appellen an Anstand,
Toleranz und demokratische Kultur stehen bleiben. Er muss zeigen, dass die
Interessen der Lohnabhängigen denen der Unternehmer und Vermögenden
entgegenstehen und dass Migranten nicht die Ursache ihrer Unsicherheit sind.
Wer die Konkurrenz der Armen gegeneinander bekämpfen will, muss die Verfügung
der Eigentümer über Arbeit, Produktion und gesellschaftlichen Reichtum
angreifen.
Regierungsämter lösen den Widerspruch nicht
Für Sachsen-Anhalt stehen verschiedene Wege
der Regierungsbildung im Raum: eine von der AfD geführte Regierung ebenso wie
eine Zusammenarbeit anderer Parteien zu ihrer Verhinderung. Auch Veränderungen
politischer Zugehörigkeiten und Formen der Duldung werden diskutiert. Solange
Mehrheiten und Entscheidungen nicht feststehen, bleiben diese Szenarien
Möglichkeiten.
Die Vorstellung, Regierungsverantwortung
werde die AfD zwangsläufig entzaubern, ist eine politische Annahme. Verwaltung
kann Widersprüche offenlegen, die in der Opposition leichter verdeckt bleiben.
Eine Garantie für sinkende Zustimmung folgt daraus nicht. Parteien können ihre
soziale Basis auch durch die Behauptung stabilisieren, von Institutionen,
Gerichten oder anderen Parteien an der Umsetzung ihres „Volkswillens“ gehindert
zu werden.
Vor allem wäre es zynisch, die Folgen
rechter Regierungspolitik für besonders gefährdete Gruppen lediglich als
notwendige Erfahrung eines politischen Lernprozesses zu behandeln. Menschen,
die von Rassismus, Abschiebung, sozialer Ausgrenzung oder rechter Gewalt
betroffen sind, dürfen nicht zum Anschauungsmaterial für eine strategische
Entzauberungspolitik gemacht werden.
Umgekehrt reicht eine Regierungsbildung
gegen die AfD nicht aus, um deren gesellschaftliche Grundlage zu schwächen. Ein
Bündnis, dessen gemeinsamer Inhalt vor allem in der Ämterverteilung und der
Abwehr eines Konkurrenten liegt, beantwortet den sozialen Protest nicht.
Bleiben die Lebensverhältnisse der Unzufriedenen unverändert, kann die Rechte
auch außerhalb der Regierung von der Krise der übrigen Parteien profitieren.
Die Debatte über mögliche Konflikte einer
AfD-geführten Landesregierung mit anderen staatlichen Stellen zeigt zudem, wie
stark sich der Streit auf institutionelle Fragen verlagert. Die soziale Ursache
des Vertrauensverlusts gerät dabei erneut aus dem Blick. Keine
Koalitionskonstruktion ersetzt die Organisierung derjenigen, die von
Lohnarbeit, niedrigen Renten und staatlicher Abhängigkeit betroffen sind.
Nationale Inszenierung statt materieller Antwort
Das Sofortprogramm der AfD zeigt, womit sie
ihren Anspruch auf Veränderung füllen will: Deutschlandflaggen an Schulen,
nationale Vorgaben für öffentliche Institutionen, weniger Ministerien, private
Sicherheitskräfte sowie Forderungen nach Abschiebungen und einer Arbeitspflicht
für Asylbewerber.
Diese Punkte beantworten die im Wahlkampf
artikulierte Armut nicht. Weder ein nationales Bekenntnis an einem Schulgebäude
noch demonstrative Härte gegen Asylbewerber erklärt, wie Rentner oder
Niedriglöhner zu einer besseren materiellen Lage gelangen sollen. Die nationale
Symbolpolitik ersetzt die soziale Analyse. Sie macht aus gesellschaftlichen
Klassenverhältnissen Fragen der Zugehörigkeit und Loyalität.
Bei der Arbeitspflicht tritt der soziale
Gegensatz besonders deutlich hervor. Wenn Kommunen die Arbeitskraft von
Asylbewerbern einsetzen, um Lohnkosten zu sparen, ist der wirtschaftliche
Nutzen entscheidend. Die Betroffenen erscheinen in der rechten Darstellung vor
allem als zu disziplinierende Gruppe. Aus dem Blick verschwindet, wem billige
Arbeit zugutekommt und weshalb die Senkung von Arbeitskosten als politische
Leistung gelten soll.
Die Arbeitspflicht ist damit nicht nur eine
Maßnahme gegen Geflüchtete. Sie ist ein Signal an die gesamte Klasse der
Lohnabhängigen: Wer nicht über Eigentum verfügt, soll seine Arbeitskraft zu den
Bedingungen des Staates oder des Kapitals zur Verfügung stellen. Die
Entrechtung einer besonders verletzlichen Gruppe kann zum Modell für eine
allgemeine Verschärfung der Arbeitsdisziplin werden.
Das nationale Gemeinschaftsversprechen
überdeckt ungleiche Interessen. Menschen mit wenig Einkommen sollen sich mit
einer Politik identifizieren, deren Härte zunächst andere trifft. Ihre eigene
wirtschaftliche Abhängigkeit wird dadurch nicht geringer. Die Lage sozial
Benachteiligter verbessert sich nicht, indem noch schwächere Gruppen unter
zusätzlichen Druck geraten. Solidarität unter den Lohnabhängigen beginnt dort,
wo die Konkurrenz um knappe Ressourcen und Arbeitsplätze nicht gegen Migranten,
sondern gegen die Bedingungen ihrer Konkurrenz gerichtet wird.
Die Bedrohung endet nicht im Parlament
Die Folgen des Rechtsrucks lassen sich
nicht auf die Besetzung von Ministerien reduzieren. Für Menschen mit
Migrationshintergrund und für tatsächliche oder vermeintliche Linke stellt sich
auch die Frage nach ihrer Sicherheit im Alltag. Persönliche Schilderungen aus
Sachsen-Anhalt berichten von Anfeindungen und Übergriffen. Daraus lässt sich
keine landesweite Entwicklung beziffern. Die beschriebene Bedrohung darf
dennoch nicht hinter parlamentarischen Planspielen verschwinden.
Ein Wahlerfolg der Rechten kann von ihren
Anhängern als gesellschaftliche Bestätigung verstanden werden. Ob und in
welchem Umfang daraus weitere Übergriffe folgen, ist offen. Die Gefahr besteht
jedoch unabhängig davon, ob die AfD unmittelbar Regierungsämter übernimmt. Der
Staat kann rechte Gewalt verfolgen, aber er beseitigt nicht automatisch die
sozialen Verhältnisse, in denen rassistische und autoritäre Ideologien Resonanz
finden.
Problematisch ist eine Debatte, die
ausgerechnet Linke pauschal zum Ausgangspunkt drohender Gewalt erklärt.
Alarmistische Zuschreibungen ersetzen keine Untersuchung konkreter Taten. Sie
können politische Gegner als Gefahr markieren und die Schutzbedürftigkeit
tatsächlich Angegriffener verdrängen. Wer Sicherheit ernst nimmt, muss sich an
überprüfbaren Vorgängen orientieren und darf die Gewalt der gesellschaftlich
Mächtigen nicht mit der Gegenwehr der Unterdrückten gleichsetzen.
Die Verantwortung der AfD wird durch den
Hinweis auf ein bereits raues gesellschaftliches Klima nicht geringer. Ebenso
wenig beginnen alle Probleme erst mit einer rechten Regierungsbeteiligung.
Ausgrenzung und soziale Härte bereiten einen Boden, auf dem weitere
Verschärfungen leichter durchsetzbar werden. Der Schutz bedrohter Menschen
gehört deshalb zum Kern einer sozialen Gegenpolitik. Er verlangt nicht nur
staatliche Strafverfolgung, sondern auch antifaschistische Organisierung in
Betrieben, Schulen, Nachbarschaften und Kommunen.
Europas Krise der politischen Vertretung
Sachsen-Anhalt steht in einem größeren
europäischen Zusammenhang. Zwischen den Angeboten etablierter Parteien und den
Erwartungen vieler Menschen hat sich eine Kluft entwickelt. Politische
Entscheidungen erscheinen weit von den eigenen Einflussmöglichkeiten entfernt.
Zugleich verliert das Versprechen an Glaubwürdigkeit, die bestehende Ordnung
werde diesen Kontrollverlust durch wachsenden Wohlstand ausgleichen.
Die internationale Verflechtung der
Wirtschaft und die Verlagerung von Entscheidungen auf überstaatliche Ebenen
bilden einen Hintergrund dieser Entwicklung. Wo das Wohlstandsversprechen an
Überzeugungskraft verliert, tritt die Frage der Kontrolle schärfer hervor: Wer
entscheidet, in wessen Interesse und mit welchen Folgen? Die Antwort der
herrschenden Politik lautet meist, Sachzwänge zu verwalten. Doch Sachzwänge
sind häufig die politische Form, in der sich die Interessen des Kapitals
durchsetzen.
Rechte Bewegungen antworten mit dem
Versprechen nationaler Souveränität. Doch nationale Zuständigkeit sagt nichts
darüber aus, welche gesellschaftlichen Gruppen tatsächlich über Entscheidungen
verfügen. Auch innerhalb eines Nationalstaats bleiben wirtschaftliche Macht und
politischer Einfluss ungleich verteilt. Die Rückverlagerung von Kompetenzen ist
daher nicht automatisch soziale Befreiung. Ein deutscher Staat, der souveräner
über Sozialabbau, Aufrüstung und Arbeitsdisziplin entscheidet, ist für die Lohnabhängigen
nicht freier.
Auch die verschiedenen europäischen
Nationalismen bilden nicht automatisch ein gemeinsames Gegenprojekt. Ihre
Berufung auf nationale Interessen kann sie miteinander in Konflikt bringen. Die
Ablehnung bestehender europäischer Institutionen schafft keine Übereinstimmung
über wirtschaftliche und außenpolitische Ziele. Ein nach rechts verschobenes
Europa wäre deshalb keineswegs zwangsläufig friedlicher oder
verständigungsbereiter gegenüber Russland. Nationaler Rückzug kann ebenso in
Aufrüstung, Grenzregime und neue imperialistische Rivalitäten münden.
Eine sozialistische Antwort darf sich
deshalb weder auf die Verteidigung der bestehenden europäischen Institutionen
noch auf nationale Souveränitätsparolen beschränken. Sie muss die
internationale Gemeinsamkeit der Lohnabhängigen gegen die Konkurrenz der
Standorte und Nationen setzen. Nicht die Herkunft der Arbeitskraft, sondern
ihre Stellung im Produktionsprozess entscheidet über den grundlegenden sozialen
Gegensatz.
Eine Gegenkraft braucht soziale Eigenständigkeit
Der Wahlerfolg der AfD ist weder bloßer
Betriebsunfall noch sozialer Aufbruch. Er verbindet eine Krise der politischen
Vertretung mit einem rechten Angebot, das den Wunsch nach Veränderung auf
nationale Zugehörigkeit, personelle Führung und verschärfte Ausgrenzung lenkt.
Die wirtschaftlichen Abhängigkeiten, unter denen viele ihrer Anhänger leiden,
werden dadurch nicht aufgehoben. Sie werden politisch umgedeutet.
Eine wirksame Gegenposition muss die
Verbindung zwischen sozialer Frage und politischer Macht wiederherstellen. Sie
muss fragen, wer die Kosten des eingeschlagenen Kurses trägt, wer von billiger
Arbeit profitiert und welche Interessen sich hinter dem Wettbewerb um
Regierungsämter durchsetzen. Sie muss offenlegen, dass die Gesellschaft nicht
aus einem einheitlichen „Volk“ besteht, sondern aus Klassen mit gegensätzlichen
Interessen: auf der einen Seite Eigentümer und Verfügungsberechtigte, auf der
anderen Seite die große Mehrheit derjenigen, die ihre Arbeitskraft verkaufen
müssen.
Auch Friedenshoffnungen dürfen nicht
ungeprüft auf die AfD übertragen werden. Aus der Gegnerschaft zu etablierten
Parteien folgt keine verlässliche Absage an Aufrüstung und internationale
Machtpolitik. Nationalismus kann soziale Unzufriedenheit ebenso in militärische
Mobilisierung wie in rassistische Ausgrenzung lenken. Wer Frieden und soziale
Sicherheit will, muss beides an politischen Inhalten messen, nicht an einer
vermeintlich oppositionellen Pose.
Die Antwort auf den Rechtsruck liegt daher
weder im Vertrauen auf seine spätere Selbstentzauberung noch in der
bedingungslosen Absicherung des bisherigen Kurses. Sie verlangt eine
eigenständige Politik für jene, deren Unsicherheit zum Rohstoff rechter Mobilisierung
wird. Diese Politik kann nicht bei parlamentarischer Repräsentation stehen
bleiben. Sie muss auf die Selbstorganisation der Lohnabhängigen zielen: in
Gewerkschaften, Betrieben, sozialen Bewegungen und antifaschistischen
Bündnissen.
Solange ihr Zorn lediglich zwischen
konkurrierenden Verwaltern wirtschaftlicher Macht umgelenkt wird, bleibt der
Ausweg verstellt. Eine soziale Gegenkraft beginnt dort, wo die Lohnabhängigen
ihre gemeinsamen Interessen erkennen und sich nicht länger gegeneinander
ausspielen lassen. Der Gegner ist nicht der migrantische Kollege, der
Geflüchtete oder die Erwerbslose. Der Gegner ist eine Gesellschaft, in der die
Mehrheit arbeiten muss, damit eine Minderheit besitzen und entscheiden kann.
Der Rechtsruck kann nur zurückgedrängt
werden, wenn seine soziale Grundlage angegriffen wird. Das bedeutet: höhere
Löhne und Renten, sichere Arbeitsplätze, ein Ende der Konkurrenz um Wohnungen
und Leistungen, die Vergesellschaftung zentraler Bereiche der Wirtschaft und
demokratische Kontrolle über Produktion und Verteilung. Nicht nationale
Gemeinschaft, sondern internationale Solidarität ist die Antwort auf die
kapitalistische Krise. Eine soziale Gegenkraft beginnt dort, wo der berechtigte
Zorn sich nicht gegen die Schwächsten richtet, sondern gegen die Verhältnisse,
die ihn hervorbringen.

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