Kriegstüchtig gemacht
Kriegstüchtig gemacht
Wie die
Bundesrepublik militärisch, politisch und ökonomisch umgebaut wird
Die
Militarisierung der Bundesrepublik ist längst kein Randthema mehr. Sie
durchzieht Außenpolitik, Industrie, Schulen, Jobcenter und den öffentlichen
Raum. Der Bogen reicht von der Wiederbewaffnung über die Auslandseinsätze und
die Militarisierung im Inneren bis zur Aufrüstung als wirtschafts- und
industriepolitischem Programm. Was als Reaktion auf Krisen verkauft wird,
erweist sich bei genauerem Hinsehen als tiefgreifender Umbau von Staat und
Gesellschaft im Interesse von Aufrüstung, Machtprojektion und kapitalistischer
Krisenbewältigung.
Vom
Nachkriegstabu zur neuen Normalität
Nach
1945 war die Demilitarisierung Deutschlands politischer Konsens der
Siegermächte. Zu präsent waren die Verbrechen von Wehrmacht und SS, zu frisch
die Erfahrung eines Krieges, der Europa verwüstet hatte. Gerade deshalb war die
Wiederbewaffnung der jungen Bundesrepublik kein geräuschloser Verwaltungsakt,
sondern ein harter politischer Bruch. Konrad Adenauer betrieb sie im Rahmen der
Westintegration gegen erhebliche Widerstände in der Bevölkerung und sogar gegen
Widerspruch aus den eigenen Reihen.
Die
Proteste dagegen waren breit. Die Losung „Ohne mich“ stand für ein
gesellschaftliches Klima, in dem viele Menschen nach Krieg, Hunger und
Zerstörung nicht bereit waren, sich erneut für militärische Zwecke einspannen
zu lassen. 1953 wurde der Demonstrant Philipp Müller in Essen bei Protesten
gegen die Wiederbewaffnung von der Polizei erschossen. Diese Geschichte ist
heute weitgehend aus dem öffentlichen Gedächtnis gedrängt. Dabei markiert sie
einen frühen Punkt, an dem sich zeigte, dass die neue Bundesrepublik ihre
außen- und militärpolitische Linie notfalls auch gegen gesellschaftlichen
Widerstand durchsetzen würde.
Mit
der Gründung der Bundeswehr 1955 war der Dammbruch vollzogen. Was einst als
Konsequenz aus Faschismus und Weltkrieg ausgeschlossen schien, wurde binnen
weniger Jahre wieder Staatsräson. Zunächst blieb der Einsatzradius begrenzt,
doch die institutionelle Grundlage für spätere Expansion war geschaffen.
Auslandseinsätze
als Stufenleiter der Entgrenzung
Die
Entgrenzung nach außen blieb nicht ohne Folgen für das Innere. Je
selbstverständlicher militärische Macht weltweit eingesetzt wurde, desto
stärker verschoben sich auch im Inland die politischen und rechtlichen Grenzen.
In
den Jahrzehnten vor 1990 traten Soldaten der Bundeswehr im Ausland offiziell
vor allem als Helfer bei Katastrophen auf. Der Einsatz nach dem Erdbeben von
Agadir 1960 gilt als erster dieser Art. Solche Missionen wirkten harmlos,
hatten aber eine politische Funktion: Sie normalisierten die Präsenz deutscher
Soldaten außerhalb des eigenen Territoriums.
Der
eigentliche Einschnitt kam nach der deutschen Vereinigung. 1993 begann in
Somalia der erste bewaffnete Auslandseinsatz der Bundeswehr seit 1945. Damit
wurde eine Grenze überschritten, die aus historischen Gründen zuvor als
besonders heikel galt. Begleitet war der Einsatz von offen paternalistischen
und rassistischen Deutungsmustern, in denen sich koloniale Selbstbilder
fortsetzten. Auch der erste von Bundeswehrsoldaten verursachte Tote in einem
Auslandseinsatz fällt in diesen Zusammenhang.
Noch
folgenreicher war der Krieg gegen Jugoslawien 1999. Die Beteiligung der
Bundeswehr an den NATO-Bombardements war ein qualitativer Sprung: Deutschland
führte wieder Krieg in Europa. Die politische Legitimation stützte sich auf
Dramatisierung, moralische Aufladung und eine mediale Kriegspropaganda, die
angebliche Lager, Vernichtungsdrohungen und andere Schreckensbilder in Umlauf
brachte. Besonders perfide war die Umdeutung der deutschen Geschichte selbst.
Aus der Erinnerung an den Faschismus wurde nicht die Verpflichtung zum Frieden
abgeleitet, sondern die Begründung für einen neuen Militäreinsatz. Darin lag
eine zentrale ideologische Verschiebung: Nie wieder Krieg wurde ersetzt durch
die Behauptung, Krieg könne im Namen von Menschlichkeit und Verantwortung
geführt werden.
In
Afghanistan setzte sich diese Entwicklung fort. Peter Strucks Formel, die
Sicherheit Deutschlands werde auch am Hindukusch verteidigt, brachte die neue
strategische Doktrin auf den Punkt. Später sagte Horst Köhler offen,
Auslandseinsätze dienten auch der Sicherung wirtschaftlicher Interessen und
freier Handelswege. Für einen kurzen Moment fiel damit die liberale
Verkleidung. Sichtbar wurde, dass hinter den Erzählungen von Brunnenbau,
Mädchenschulen und humanitärer Verantwortung handfeste Macht- und Standortinteressen
standen.
Dass
dieser Krieg mit einer Bilanz aus Verwüstung, hunderttausenden Toten und der
Rückkehr der Taliban endete, änderte am Grundkurs wenig. Der Luftangriff bei
Kundus 2009, bei dem mehr als hundert Zivilisten getötet wurden, zeigte
vielmehr, wie weit sich deutsche Kriegsführung bereits in eine Logik eingefügt
hatte, in der zivile Opfer als hinnehmbar behandelt werden.
Die Armee im Inneren
Parallel zu den
Auslandseinsätzen verschoben sich auch im Innern die Grenzen. Offiziell sollte
die Bundeswehr nach den Erfahrungen des deutschen Militarismus gerade nicht als
reguläre Kraft im Inland auftreten. Tatsächlich wurde diese Trennlinie seit Jahrzehnten
scheibchenweise abgetragen.
Ein frühes Beispiel
war die Hamburger Sturmflut von 1962. Der Einsatz der Bundeswehr erschien
vielen als praktische Hilfe in der Not. Politisch wirkte er jedoch als
Türöffner. Später schufen die Notstandsgesetze die rechtliche Basis, um solche
Einsätze abzusichern. Es folgten weitere Schritte: Amtshilfe, gemeinsame
Übungen mit der Polizei, Überwachungsunterstützung, Tornado-Aufklärungsflüge
über Protesten beim G8-Gipfel in Heiligendamm und eine immer engere Verzahnung
militärischer und ziviler Strukturen.
Nach dem 11.
September 2001 gewann diese Entwicklung neue Schubkraft. Unter dem Schlagwort
der Terrorbekämpfung wurde die Unterscheidung zwischen innerer und äußerer
Sicherheit gezielt verwischt. In der Corona-Pandemie erreichte die
Inlandseinsatzlogik einen neuen Umfang. Rund 25.000 Soldaten wurden in Ämtern,
Gesundheitsbehörden und logistischen Bereichen eingesetzt. Der größte
Bundeswehreinsatz im Inneren wurde so unter dem Mantel technischer Hilfe
normalisiert.
Heute geht die
Entwicklung weiter. Seit 2017 finden mit Getex regelmäßig Übungen von
Bundeswehr und Polizei statt. Mit dem Operationsplan Deutschland und der
politisch forcierten „Kriegstüchtigkeit“ wird das Land auf die Rolle als
logistische Drehscheibe eines großen NATO-Krieges vorbereitet. Der Osnabrücker
Erlass von 2024 und die Neuordnung der Kommandostrukturen stärken die zentrale
militärische Führung zusätzlich. Wo militärische Logik in Verwaltung,
Infrastruktur und Planung einsickert, schrumpft die zivile Kontrolle.
Öffentlichkeitsarbeit
als Rekrutierungsmaschine
Militarisierung
setzt Zustimmung voraus. Deshalb arbeitet der Staat nicht nur mit Gesetzen und
Haushalten, sondern auch mit Bildern, Sprache und Alltagspräsenz. Der „Tag der
Bundeswehr“, öffentliche Gelöbnisse, Veteranentage, Werbestände auf Messen und
eine aggressive Präsenz in sozialen Medien sind Teil einer systematischen
Offensive. Die Truppe soll als normal, modern, vielfältig und attraktiv
erscheinen.
Besonders
brisant ist die Ausrichtung auf junge Menschen. In Schulen treten
Jugendoffiziere auf, immer mehr Bundesländer schließen
Kooperationsvereinbarungen mit der Bundeswehr. Auf Jobmessen, an Universitäten
und selbst auf Jugend- und Gaming-Events wirbt die Truppe offensiv um
Nachwuchs. Die Botschaft lautet: Die Bundeswehr ist ein Arbeitgeber wie jeder
andere auch. Genau das ist die politische Lüge. Denn wer dort einen Vertrag
unterschreibt, verpflichtet sich im Kern nicht für irgendeinen Beruf, sondern für
das staatliche Gewaltmonopol, im Zweifel für Krieg und Töten.
Hinzu
kommt die soziale Frage. Wer auf dem zivilen Ausbildungsmarkt mit
Niedriglöhnen, Befristung und Perspektivlosigkeit konfrontiert ist, erlebt die
Bundeswehr als scheinbar sicheren Aufstiegskanal. Höhere
Ausbildungsvergütungen, Unterkunft, Verpflegung, Führerschein und
Karriereversprechen verschaffen der Truppe einen systematischen Vorteil.
Jobcenter und Arbeitsagenturen werden so zu Vorfeldern der Rekrutierung. Die
soziale Unsicherheit, die der Kapitalismus produziert, liefert dem Militär das
Personal.
Rüstung als Krisenprogramm
Der Umbau zur
Kriegstüchtigkeit ist auch ein ökonomisches Projekt. Er zeigt sich nicht nur in
wachsenden Etats, sondern auch in der engen Verknüpfung von Staat, Konzernen
und Industriepolitik. Der sogenannte Verteidigungshaushalt ist in den
vergangenen Jahren explodiert. Aus Summen von einst 30 oder 40 Milliarden sind
heute Größenordnungen um 90 Milliarden geworden. Mit dem Fünf-Prozent-Ziel, das
aus der NATO-Logik heraus gefordert wird, wären künftig sogar 150 bis 160
Milliarden denkbar. Diese Mittel fehlen nicht abstrakt, sondern konkret: bei
Wohnen, Gesundheit, Bildung, Verkehr und sozialer Sicherung.
Gleichzeitig
wächst die Rüstungsindustrie politisch und wirtschaftlich. Rheinmetall steht
exemplarisch für diesen Aufstieg. Während klassische deutsche Leitbranchen wie
die Autoindustrie unter Druck geraten, wird die Waffenproduktion als
Zukunftsfeld aufgebaut. Staatlich garantierte Großaufträge, langfristige
Beschaffungszusagen und der politische Wille, Produktionskapazitäten gezielt
auszubauen, schaffen dafür einen abgesicherten Markt. Was früher unter dem
Begriff Konversion als Umstellung von Rüstungs- auf zivile Produktion
diskutiert wurde, läuft heute in die entgegengesetzte Richtung: Zivile Werke
sollen militärisch nutzbar gemacht werden. Das ist kein Betriebsunfall, sondern
Ausdruck einer neuen Prioritätensetzung.
Rüstung
erscheint in dieser Lage als scheinbar einfacher Ausweg aus der Krise. Der
Staat kann sich verschulden, Aufträge garantieren und Profite absichern. Doch
ökonomisch bleibt Waffenproduktion eine Sackgasse. Panzer, Raketen und Munition
gehen nicht in die gesellschaftliche Reproduktion ein; sie schaffen keine
Infrastruktur des guten Lebens, sondern Mittel der Zerstörung. Damit dieses
Modell weiterläuft, müssen Konflikte fortbestehen oder neu erzeugt werden. Der
militärisch-industrielle Komplex hat deshalb ein objektives Interesse an
dauerhafter Spannung, an Feindbildern und an immer neuen Einsatzräumen.
Deutsche
Machtprojektion in drei Zonen
Die
neue deutsche Militärpolitik lässt sich an drei strategischen Räumen besonders
deutlich beobachten. Erstens an der NATO-Ostflanke. In Litauen wird eine
dauerhafte deutsche Militärpräsenz mit Tausenden Soldaten und eigener
Infrastruktur aufgebaut. Zweitens in Westasien und Nordafrika, etwa im Libanon
oder im Roten Meer, wo die Bundeswehr längst Teil westlicher
Interventionsarchitekturen ist. Drittens im Indopazifik, also direkt im
geopolitischen Umfeld Chinas.
Gerade
dort zeigt sich, wie weit die deutsche Außenpolitik bereits auf globale
Machtprojektion umgestellt ist. Deutsche Kriegsschiffe fahren durch die Straße
von Taiwan, die Luftwaffe übt in Australien, und die Bundesregierung investiert
Milliarden in Weltraum- und Drohnenprogramme. Was als Verantwortung in einer
unsicheren Welt verkauft wird, ist in Wahrheit der Anspruch, als eigenständiger
imperialer Akteur in einer neu geordneten Weltkonkurrenz mitzuspielen.
Dazu
passt die Erzählung von der drohenden russischen Attacke auf NATO-Gebiet, die
von Bundeswehrgeneral Carsten Breuer mit dem Jahr 2029 verknüpft wird. Ob
dieses Szenario realistisch ist, steht auf einem anderen Blatt. Politisch
erfüllt es seinen Zweck schon vorher: Es erzeugt Alarm, diszipliniert die
Debatte und rechtfertigt Milliardenprogramme, die unter normalen Bedingungen
auf massiven Widerstand stoßen würden.
Widerstand ist keine Fußnote
Die
Geschichte der Bundeswehr ist deshalb auch die Geschichte des Widerstands gegen
sie. Von der „Ohne mich“-Bewegung über die Proteste gegen Wiederbewaffnung,
Notstandsgesetze und Raketenstationierung bis zu heutigen Aktionen gegen
Gelöbnisse, Rüstungsfirmen und Militärwerbung reicht eine Linie, die nie ganz
abgerissen ist. Sie ist der Beweis, dass Militarisierung nicht naturwüchsig
verläuft, sondern politisch organisiert und deshalb auch politisch angreifbar
ist.
Wer die
gegenwärtige Aufrüstung nur als außenpolitische Reaktion begreift, greift zu
kurz. Es geht um einen umfassenden Staatsumbau. Gesellschaftliche Ressourcen
werden nach oben und zum Militär umverteilt. Öffentliche Räume werden
symbolisch besetzt. Soziale Unsicherheit wird zur Rekrutierungsbasis.
Historische Lehren werden ins Gegenteil verkehrt. Und unter dem Schlagwort der
Sicherheit wird ein Kurs durchgesetzt, der die Gefahr neuer Kriege nicht
mindert, sondern erhöht.
Die
entscheidende Frage lautet deshalb nicht, wie Deutschland noch effizienter
aufrüsten kann. Sie lautet, wem dieser Kurs nützt und wer seinen Preis bezahlt.
Die Antwort ist klar: Profitieren werden Rüstungskonzerne,
sicherheitspolitische Apparate und die politischen Eliten, die deutsche Macht
global neu aufstellen wollen. Zahlen werden Beschäftigte, Erwerbslose,
Jugendliche und all jene, deren Interessen in den großen Aufrüstungsprogrammen
nicht vorkommen.
Dass es
dagegen weiter Widerspruch gibt, zeigt sich auch heute: bei Protesten gegen
Bundeswehrwerbung an Schulen, bei Blockaden vor Rüstungsstandorten, bei
Kampagnen gegen neue Gelöbnisse und bei lokalen Bündnissen gegen die
Militarisierung des Alltags. Noch ist diese Gegenmacht zersplittert. Aber sie
erinnert daran, dass Aufrüstung kein Schicksal ist, sondern eine politische
Entscheidung – und damit auch widerrufbar.
Eine
demokratische und soziale Antwort auf diese Entwicklung kann nur
antimilitaristisch sein. Sie beginnt damit, die Normalisierung des Krieges
nicht hinzunehmen. Wo ein Land auf Kriegstüchtigkeit eingeschworen wird, steht
nicht Sicherheit auf dem Spiel, sondern die Frage, in wessen Interesse die
Gesellschaft umgebaut wird.

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