Blutgemeinschaft im Hightech-Krieg
Blutgemeinschaft
im Hightech-Krieg
Wie
faschistische Traditionslinien im ukrainischen Militärmilieu modernisiert und
vom Westen politisch gedeckt werden
Dieser
Text behandelt keine symbolischen Nebensachen, sondern einen politischen
Prozess von erheblicher Tragweite. Während die westlichen Machtblöcke den Krieg
in der Ukraine als Feldzug für Freiheit und Demokratie ausgeben, werden
reaktionäre Kräfte, geschichtliche Umdeutungen und faschistische
Traditionslinien verharmlost, gedeckt oder offen in die militärische Gegenwart
integriert. Wer das verschweigt, hilft mit, einen imperialistischen Krieg
moralisch zu bemänteln. Wer es offenlegt, greift die ideologische Tarnung einer
Ordnung an, in der Aufrüstung, Geschichtswäsche und die Mobilisierung der
unteren Klassen den Interessen von Bourgeoisie, Monopolkapital und
geopolitischer Machtpolitik dienen.
NATO-Erzählung
und materielle Aufwertung der Reaktion
Die
westliche Kriegspropaganda erzählt den Krieg in der Ukraine gern als einfachen
Gegensatz von Demokratie und Autokratie. Diese Erzählung erfüllt eine klare
Funktion: Sie soll Waffenlieferungen, Aufrüstung und die politische
Unterordnung Europas unter die Eskalationslogik der NATO moralisch bemänteln.
Sie ist damit kein bloßes Gerede, sondern ideologischer Überbau einer
handfesten Interessenpolitik. Gerade deshalb wird systematisch ausgeblendet,
was im Schatten dieser großen Erzählung wächst: die Aufwertung, Normalisierung
und Modernisierung faschistischer Kräfte im ukrainischen Staats- und
Militärkomplex.
Dabei
geht es nicht nur um Erinnerungspolitik oder geschichtliche Symbolik, sondern
um handfeste materielle Macht: um institutionelle Einbindung, westlich
gestützte militärische Aufwertung und die Einpassung solcher Kräfte in einen
Krieg, der mit Waffen, Geld und politischer Rückendeckung von außen am Laufen
gehalten wird. Reaktion erscheint hier nicht als störender Fremdkörper, sondern
als ein brauchbares Herrschaftsmittel in einem Stellvertreterkrieg, dessen
Kosten die arbeitenden Klassen tragen, während Rüstungskapital, Staatsapparate
und geopolitische Strategen profitieren. Gerade die militärische Aufwertung der
3. Sturmbrigade und ihre Einbindung in das 3. Armeekorps zeigt exemplarisch,
wie ideologisch belastete Kräfte nicht an den Rand gedrängt, sondern
institutionell gefestigt und kriegspolitisch nutzbar gemacht werden. Das
Asow-Milieu ist längst mehr als ein isoliertes Bataillon aus dem Jahr 2014.
Forschung beschreibt es als Bewegung, die sich militärisch, gesellschaftlich
und politisch verzweigt. Zugleich verweisen offizielle Seiten des 3. Armeekorps
auf den Aufbau einer hochmodernen, drohnengestützten Kriegsmaschinerie auf
Grundlage der 3. Sturmbrigade. Mit anderen Worten: Hier verschmilzt reaktionäre
Ideologie mit den modernsten Mitteln des digitalisierten Krieges. Das ist kein
Anachronismus, sondern eine gegenwärtige Form reaktionärer Herrschaftsausübung.
Reaktion in moderner Uniform
Die zugrunde
liegende Recherche setzt genau hier an. Sie zeigt, dass das Asow-Milieu sich
nicht einfach über offene Bekenntnisse zum historischen Nationalsozialismus
definiert, sondern über eine modernisierte Form politischer Symbolik,
soldatischer Selbstinszenierung und ideologischer Traditionspflege. Gerade im
Zeitalter von FPV-Drohnen, KI-gestützter Zielerfassung und digital verbreiteten
Kriegsbildern wird der Kämpfer ästhetisch überhöht, während der wirkliche
Mensch im industriellen Töten verschwindet. Der Krieg erscheint nicht mehr als
organisierte Vernichtung im Interesse konkurrierender Machtblöcke, sondern als
Bühne für Mythos, Opferkult und technisierte Härte.
Diese
Verbindung von technischer Modernisierung und ideologischer Regression ist kein
Widerspruch. Sie entspricht vielmehr der Logik des monopolistischen
Kapitalismus in der Krise: Je stärker soziale Widersprüche,
Verelendungstendenzen und zwischenimperialistische Konflikte zunehmen, desto
attraktiver wird für herrschende Klassen eine Politik, die Gewalt ästhetisiert,
Feindbilder metaphysisch auflädt und den Einzelnen in ein Kollektiv aus
Gehorsam, Opferbereitschaft und Vernichtungswillen einschmilzt. Faschismus
erscheint dann nicht als Rückfall in eine ferne Vergangenheit, sondern als
äußerste Reserveform bürgerlicher Herrschaft, wenn die gewöhnlichen Mittel der
Integration, Täuschung und parlamentarischen Verwaltung an ihre Grenzen stoßen.
Donzow und die
ideologischen Wurzeln des Milieus
Gerade
weil sich diese reaktionäre Modernisierung nicht im Symbolischen erschöpft,
sondern auf eine tiefere weltanschauliche Kontinuität verweist, lohnt der Blick
auf ihre ideologischen Quellen.
Besonders
aufschlussreich ist der ideologische Stammbaum, der in der zugrunde liegenden
Recherche nachgezeichnet wird. Er verweist auf Dmytro Donzow, einen zentralen
Ideologen des ukrainischen integral-nationalistischen Lagers, als prägenden
Theoretiker eines integralen ukrainischen Nationalismus, der sich in den
Zwischenkriegsjahrzehnten offen an Faschismus und Nazismus orientierte. Der
Historiker Grzegorz Rossoliński-Liebe dokumentiert, dass Donzow nicht nur Teile
von Hitlers Mein Kampf übersetzte, sondern auch Schriften von Goebbels
und Rosenberg publizierte. Zugleich propagierte er eine amoralische
Gewaltethik, in der Verbrechen legitim werden, sobald sie dem angeblichen Wohl
der Nation dienen. Das ist keine Randnotiz der Ideengeschichte, sondern ein
Schlüssel zum Verständnis heutiger Traditionslinien.
Wenn
also heutige Akteure aus dem Asow-Umfeld Donzow als geistigen Ahnherrn
verehren, dann geht es nicht bloß um patriotische Folklore. Es geht um die
Wiederanknüpfung an eine politische Kultur, die Fanatismus, Führerprinzip,
Gewalt und ethnisch aufgeladene Feindbestimmung ins Zentrum rückt. Der
antirussische Furor fungiert dabei als Scharnier, über das historische
Kollaboration mit dem deutschen Faschismus in eine scheinbar zeitgemäße
„Verteidigung Europas“ umcodiert wird. Genau diese Formel taucht im aktuellen
Milieu wieder auf: Europa, Zivilisation, Grenzschutz, Bollwerk gegen den Osten.
Die Vokabeln ändern sich, der Klasseninhalt bleibt.
Symbolik als politische
Sprache
Liberale
Kommentatoren tun faschistische Runen, Abzeichen und Totenköpfe oft als
Folklore, Provokation oder jugendkulturellen Exzess ab. Das verkennt ihren
politischen Charakter. Symbole sind verdichtete Ideologie. Wer Wolfsangel,
Schwarze Sonne, SS-Runen oder Totenkopfzeichen in militärischen Verbänden
führt, signalisiert Zugehörigkeit, Kontinuität und Herrschaftsanspruch. Die
zugrunde liegende Recherche benennt eine ganze Reihe solcher Bezüge im
Asow-Umfeld, von der Wolfsangel bis zu an die SS angelehnten Losungen und
Emblemen. Auch wenn über einzelne Deutungen gestritten werden mag, ist der
Gesamtbefund politisch eindeutig: Hier wird nicht entpolitisiert, sondern
codiert.
Gerade
der Kryptonazismus passt zur heutigen Lage. Denn die Ukraine ist militärisch,
finanziell und diplomatisch vom Westen abhängig. Offene Hitlerverehrung wäre
gegenüber Berlin, Brüssel und Washington hinderlich. Also wird nicht abgesagt,
sondern umgestaltet. Aus dem groben Bekenntnis wird ein Netz von Anspielungen,
Traditionslinien und Ritualen, das für Eingeweihte lesbar bleibt und nach außen
als bloßer Patriotismus verkauft wird. So funktioniert die politische
Waschmaschine des gegenwärtigen Krieges: Solange eine Formation im
Stellvertreterkrieg nützlich ist, wird ihre ideologische Herkunft relativiert,
semantisch weichgespült oder als russische Propaganda abgewehrt.
Der Totenkult als
Herrschaftsinstrument
Besonders
reaktionär ist der Totenkult, den der Ausgangstext beschreibt.
Fackelzeremonien, heidnische Riten, heroische Scheingräber, martialische
Schwüre und eine auf Ewigkeit zielende Verklärung des gefallenen Kämpfers sind
keine harmlosen Bräuche. Sie erfüllen eine soziale Funktion. Sie sollen die
materielle Wahrheit des Krieges verdecken: zerrissene Körper, traumatisierte
Überlebende, verwüstete Städte, verbrannte Jugend. Wo die herrschende Politik
hunderttausende Menschen in einen langen Abnutzungskrieg treibt, braucht sie
Formen der Sinnstiftung, die Leiden nicht als Resultat von Klasseninteressen
und Machtpolitik erscheinen lassen, sondern als höheren Auftrag.
Die
Heroisierung des Todes entlastet die politische Führung und diszipliniert die
unteren Klassen. Wer den Gefallenen zum unsterblichen Ritter verklärt, spricht
nicht über den Staat, der ihn verheizt hat. Wer Opferbereitschaft sakralisiert,
fragt nicht nach den Profiteuren der Waffenindustrie, den Kreditgebern und den
geopolitischen Architekten der Eskalation. Der Todeskult ist damit kein
dekorativer Überschuss des Krieges, sondern ein ideologisches Werkzeug, um das
Sterben für fremde Interessen als moralische Selbstverwirklichung umzudeuten.
Die SS als
politischer Traditionsspeicher
Besonders
brisant wird es dort, wo nicht nur diffuse Symbolik, sondern direkte
Bezugnahmen auf historische Kollaboration auftauchen. Die zugrunde liegende
Recherche verweist auf positive Bezugnahmen auf die Waffen-SS-Division
„Galizien“ im Umfeld des 3. Armeekorps. Unabhängig von der konkreten
innenpolitischen Absicht steht fest: Die Division „Galicia“ war eine von den
Nazis gebildete Einheit innerhalb der Waffen-SS. Damit wird aus der Erinnerung
an Kollaboration nicht historische Aufarbeitung, sondern politisches Material
für neue Mobilisierungen.
Gerade
darin liegt die historische Gefahr. Wenn solche Formationen oder ihre
Symbolwelten als Traditionsreservoir in die Gegenwart hinein verlängert werden,
dann verschiebt sich die Grenze des Sagbaren. Aus der Waffen-SS wird nicht mehr
der bewaffnete Kern eines Vernichtungsprojekts, sondern ein Speicher für
soldatische Aura, Opfermythos und antikommunistische Mission. Das ist
geschichtspolitisch reaktionär und politisch hochfunktional: Wer die
faschistische Vergangenheit als nationalen Ehrenvorrat umdeutet, schafft
ideologischen Zunder für künftige Mobilisierungen.
Warum der Westen wegschaut
Die
entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, was im Asow-Milieu gedacht und
gepflegt wird, sondern warum es im Westen trotz zahlloser Hinweise verharmlost
oder ignoriert wird. Die Antwort ist schlicht: weil diese Kräfte im aktuellen
Krieg nützlich sind. Solange sie als schlagkräftige Formation gegen Russland
dienen, werden ihre ideologischen Grundlagen sekundär behandelt. Das ist kein
moralisches Versehen, sondern Klassenpolitik im Dienst imperialistischer
Interessen. Die herrschenden Klassen der NATO-Staaten hatten nie ein
prinzipielles Problem mit Faschisten, solange diese als Stoßtrupps gegen den
jeweils größeren Feind fungierten. Dasselbe Muster zieht sich durch das 20.
Jahrhundert und setzt sich unter veränderten Vorzeichen fort.
Der westliche
Liberalismus präsentiert sich gern als antifaschistisch, misst in der Praxis
aber mit zweierlei Maß. Gerade darin zeigt sich seine materielle Funktion:
Nicht die konsequente Bekämpfung der Reaktion steht im Zentrum, sondern die
Sicherung von Herrschaft unter liberaler Form, solange sie den Interessen des
Kapitals und des imperialistischen Blocks dient. Wo faschistische oder extrem
rechte Kräfte die geostrategische Linie des Westens stützen, werden sie
integriert, umetikettiert oder als patriotische Übertreibung behandelt. Wo sie
die Stabilität des eigenen Blocks bedrohen, werden sie plötzlich als
existentielle Gefahr entdeckt. Dieses instrumentelle Verhältnis zeigt: Der
bürgerliche Antifaschismus bleibt unerquicklich halbherzig, weil er die ökonomischen
und politischen Bedingungen des Faschismus nicht angreift. Er bekämpft selten
die Wurzeln, sondern verwaltet die Erscheinungen.
Faschisierung im
Zeitalter des Hightech-Krieges
Gerade
deshalb ist die gegenwärtige Entwicklung so gefährlich. Es entsteht ein neues
Gemisch aus digitalisiertem Krieg, staatlicher Integration extremer Rechter,
neoliberaler Verelendung, militarisierter Männlichkeitsproduktion und einem
zunehmend enthemmten historischen Revisionismus. Das Resultat ist keine bloße
Wiederholung der 1930er Jahre. Es ist eine Faschisierung unter veränderten
technologischen und geopolitischen Bedingungen.
Die
Drohne ersetzt nicht die Ideologie, sie erweitert ihren Wirkungsraum. Das
Smartphone ersetzt nicht das Ritual, es vervielfacht seine Reichweite. Die
internationale Waffenhilfe neutralisiert die Reaktion nicht, sie rüstet sie
auf. Und die Einbindung in staatliche Strukturen entkräftet den faschistischen
Kern nicht automatisch, sondern kann ihm im Gegenteil neue Legitimation,
Ressourcen und Rekrutierungsfelder verschaffen. Wer heute nur auf formale
Bekenntnisse schaut, versteht nicht, wie moderne Reaktion arbeitet.
Was jetzt zu sagen ist
Eine konsequente
Linke darf deshalb nicht in westliche Kriegsromantik verfallen, sondern muss
klar Partei gegen die NATO-Eskalation und gegen die politische, militärische
und ideologische Aufrüstung des ukrainischen Staatsapparats ergreifen. Sie muss
den Charakter dieses Krieges als von westlichen Machtblöcken befeuerte
Konfrontation benennen, die sozialen Interessen hinter der Dauereskalation
offenlegen und jede Form der Verharmlosung faschistischer Kräfte bekämpfen.
Unter diesen Bedingungen bedeutet eine nüchterne Parteinahme auch, die
russische Seite nicht mit dem westlichen Block gleichzusetzen, sondern die
Hauptverantwortung der NATO, der EU-Eliten und ihrer ukrainischen Verbündeten
hervorzuheben.
Wer heute
schweigt, wenn faschistische Traditionsbestände im Namen der „Verteidigung
Europas“ rehabilitiert werden, bereitet den Boden für kommende Katastrophen.
Wer die Verbindung von Hightech-Krieg, westlicher Expansion, imperialistischer
Konkurrenz und reaktionärer Ideologie nicht analysiert, verkennt die neue
Gestalt der Gefahr. Faschisierung beginnt nicht erst mit dem offenen
Marschschritt, sondern dort, wo Klassenherrschaft, Krieg und Krise eine
politische Form suchen, die Härte verherrlicht, Geschichte umschreibt und den
Menschen dem Apparat unterordnet.
Genau deshalb muss
der Blick auf das Asow-Milieu Teil einer grundsätzlichen Kritik an
NATO-Kriegspolitik, Kapital, Staat und imperialer Ordnung werden.
Quellenbasis
der Ausarbeitung: zugrunde liegende Recherche vom
11.06.2026; Third Army Corps (offizielle Selbstdarstellung); Grzegorz
Rossoliński-Liebe zu Dmytro Donzow und ukrainischem integralem Nationalismus;
Lviv Interactive zur Waffen-SS-Division „Galicia“.

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