Religion und Krieg Teil 3
Religion, Kirche und Krieg in Vergangenheit und Gegenwart
Kapitel 3: Kirche und Krieg in der Gegenwart
Friedenssprache im Dienst der Kriegsvorbereitung
Die Gegenwart zeigt: Die alte Verbindung von Kirche, Staat und Krieg ist nicht verschwunden. Sie tritt nur moderner auf. Die Sprache ist vorsichtiger, die Begriffe sind weicher. Die Papiere heißen nicht „Kriegsplan“, sondern „Friedenslehre“, „Sicherheit“, „Krisenseelsorge“, „Widerstandsfähigkeit“ oder „Soforthilfe“. Doch hinter der milden Oberfläche steht dieselbe Grundfrage wie früher: Stellt die Kirche den Krieg in Frage, oder hilft sie, seine Folgen seelisch zu verwalten?
Die herrschende Politik rüstet auf, beschwört Feinde, ordnet Haushalte dem Militär unter, gewöhnt die Bevölkerung an den Gedanken des großen Krieges und nennt das alles Sicherheit. Wer in dieser Lage von Frieden spricht, aber die Kriegsvorbereitung praktisch begleitet, betreibt keine Friedensarbeit. Er liefert die moralische Stütze der Aufrüstung.
Die neue Grundsatzschrift der EKD
Im November 2025 stellte die Evangelische Kirche in Deutschland die Grundsatzschrift „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick, Evangelische Friedenslehre angesichts neuer Aufgaben“ vor. Sie liest sich wie eine regierungsnahe Stellungnahme in christlichem Gewand.
Schon der Titel zeigt die Verschiebung. „Gerechter Friede“ klingt friedlich. Doch der Begriff wird politisch so gedehnt, daß er militärisches Denken aufnehmen kann. Wenn Krieg als letztes Mittel, als Verteidigung der Ordnung, als Bündnispflicht oder als Schutz vor angeblicher Bedrohung erscheint, dann wird aus Friedenslehre eine Lehre der Kriegsfähigkeit.
Die Grundsatzschrift wurde bei einer Veranstaltung evangelischer Akademien besprochen, bei der Außenminister Johann Wadephul die einleitende Rede hielt und auch eine frühere NATO-Mitarbeiterin in der Gesprächsrunde saß. Widersprechende Standpunkte kamen dort nicht zur Sprache.
Das ist bezeichnend. Wo Staat, NATO-Nähe und kirchliche Akademien zusammen auftreten, wird die Grenze zwischen Seelsorge, politischer Rechtfertigung und Bündnisgehorsam unscharf. Der Krieg wird nicht mehr als Ergebnis weltweiter Konkurrenz der Mächte untersucht, sondern als „Aufgabe“, auf die sich Gesellschaft und Kirche einzustellen hätten.
Das innere Rahmenpapier: Seelsorge im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall
Noch deutlicher wird die Gegenwart im gemeinsamen Papier von Evangelischer Kirche und Deutscher Bischofskonferenz: „Ökumenisches Rahmenkonzept: Seelsorge und Akutintervention im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall“. Es handelt sich um ein inneres Arbeitspapier, das nicht breit bekannt gemacht wurde.
Dieses Papier ist politisch brisant, weil es nicht bei allgemeinen Friedensformeln stehenbleibt. Es ordnet kirchliches Handeln für den Ernstfall militärischer Zuspitzung. Die Begriffe „Spannungsfall“, „Bündnisfall“ und „Verteidigungsfall“ ziehen sich durch den Text. Das sind keine neutralen Verwaltungsworte, sondern staatliche Eskalationskategorien, die die Kirche in ihre eigene Praxis übernimmt. Der Spannungsfall meint eine bevorstehende militärische Auseinandersetzung, auf die sich Deutschland und seine Bündnispartner vorbereiten. Der Bündnisfall bedeutet den Eintritt Deutschlands in einen bewaffneten Krieg zwischen Staaten. Der Verteidigungsfall macht Deutschland selbst zum Gebiet militärischer Auseinandersetzungen.
Auffällig ist: Der Begriff „Krieg“ wird vermieden. Stattdessen erscheinen „Krise“, „Ernstfall“, „Ereignisfall“, „Aufgabe“, „Sicherheit“ und „Widerstandsfähigkeit“. Diese Sprache ist kein Zufall. Sie entleert den Krieg politisch. Sie nimmt ihm Klasseninhalt, Nutznießer, langfristige Machtziele, Rüstungswirtschaft, Bündniskurs und herrschaftlichen Charakter. Übrig bleibt eine angebliche Notlage, in der alle nur noch funktionieren sollen.
Beruhigen, festigen, handlungsfähig machen
Das Rahmenpapier weist der Seelsorge eine zentrale Rolle zu. Sie soll in Krisenlagen festigen, Orientierung geben, Verständigung sichern und Menschen seelisch handlungsfähig halten. Als Ziel nennt das Papier die Vermittlung von Sicherheit, Beruhigung, eigener und gemeinsamer Wirksamkeit, Kontakt, Anbindung und Hoffnung.
Auf den ersten Blick klingt das menschlich. Wer wollte Verwundeten, Angehörigen, seelisch verletzten Menschen und Sterbenden Trost verweigern? Aber die politische Frage liegt tiefer. Wenn Seelsorge in die Kriegsplanung eingebaut wird, dann wird sie Teil der gesellschaftlichen Durchhalteordnung. Sie hilft, den Ausnahmezustand zur Gewohnheit zu machen. Sie soll die Bevölkerung nicht zum Widerstand gegen Krieg befähigen, sondern zum Funktionieren im Krieg.
Hier erscheint Religion wieder als Betäubung. Nicht, weil Trost an sich falsch wäre, sondern weil Trost von der Ursache des Leidens getrennt wird. Die Menschen sollen mit dem Krieg „umgehen“, statt ihn zu verhindern. Sie sollen die „neue Alltagslage“ annehmen, statt gegen die Politik zu kämpfen, die diese Alltagslage vorbereitet.
Gefallene, Gefangene, Zivilbevölkerung
Das Rahmenpapier zeigt, wie umfassend die Kirchen sich auf Kriegsfolgen einstellen. Zuständig sein soll die Seelsorge für Zivilbevölkerung, Gesundheitsversorgung, Einsatzpersonen, Kriegsgefangene und Wachpersonal, Gefallene und Angehörige, Fluchtbewegungen sowie für die Seelsorgenden selbst.
Damit wird der Krieg als kommender Verwaltungsfall behandelt. Tote, Verwundete, Flüchtende, Gefangene, seelisch verletzte Angehörige und überlastetes Personal erscheinen nicht als Anklage gegen die Kriegspolitik, sondern als Aufgabenfelder kirchlicher Betreuung. Die Kirche stellt sich bereit, sobald die Politik die Katastrophe produziert hat.
Besonders entlarvend ist die Rede von künftigen „Gefallenen“. Wer heute in der Planung über Gefallene, Trauerfeiern und gottesdienstliche Hilfen im Kriegsfall nachdenkt, rechnet praktisch mit Toten. Er fragt aber nicht notwendig, warum diese Menschen sterben sollen, für wessen Interessen, in welchem Bündnis, gegen welchen Feind und zugunsten welcher Machtblöcke.
Die Wirtschaft hinter der Moral
Kein moderner Krieg fällt vom Himmel. Hinter der moralischen Sprache von Freiheit, Sicherheit und Verantwortung stehen handfeste Interessen. Rüstungsunternehmen verdienen an Aufträgen. Energieunternehmen kämpfen um Zugriff. Geldkapital finanziert Staatsschulden und Waffenprogramme. Großunternehmen und Staaten ringen um Märkte, Rohstoffe, Transportwege, Technikketten und weltpolitische Einflußgebiete.
Die Untersuchung der modernen Herrschaft des Kapitals zeigt: Wettbewerb schlägt auf höherer Stufe in Macht der Großunternehmen um. Große Unternehmen, Banken und Staaten verschmelzen in langfristigen Machtzielen. Lenin beschrieb die Zusammenballung der Herstellung, die Herrschaft großer Unternehmen, die Rolle der Banken, den Kapitalausfuhr und die Aufteilung der Welt unter Großstaaten als Kennzeichen dieser Epoche.
Diese Einsicht bleibt für die Gegenwart unersetzlich. Wer Krieg nur als moralischen Streit zwischen guten und bösen Regierungen darstellt, verschleiert seine wirtschaftliche Grundlage. Die Kirchen übernehmen diese Verschleierung, wenn sie nicht nach den Interessen des Kapitals, NATO-Kriegsplänen, Rüstungsgewinnen und weltweiter Konkurrenz der Mächte fragen, sondern nur nach seelischer Bewältigung.
NATO-Frömmigkeit und Feindbild Russland
Das Rahmenpapier knüpft an die Behauptung an, Deutschland und seine europäischen Nachbarn seien bereits Angriffsziel, etwa durch verdeckte und gemischte Bedrohungen, Angriffe auf wichtige Versorgungswege und Netzangriffe. Zudem werde behauptet, Russland könne vor Ende dieses Jahrzehnts NATO-Gebiet angreifen.
Solche Sätze sind politisch hochwirksam. Sie bereiten Zustimmung vor. Sie erzeugen Angst. Sie verwandeln Aufrüstung in Vorsorge, Vermilitärlichung in Vernunft, Bündnisgehorsam in Notwendigkeit. Wenn die Kirche diese Erzählung übernimmt oder nicht gründlich durchbricht, wird sie zur Begleitmusik der NATO-Politik.
Kritik am Weltherrschaftsstreben heißt nicht, eine andere Großmacht zu idealisieren. Sie heißt, die eigene herrschende Klasse, die eigenen Kriegsbündnisse, die eigene Rüstungswirtschaft und die eigene Meinungsmache zuerst und schärfstens anzugreifen. Für Menschen in Deutschland bedeutet das: Nein zur Kriegstüchtigmachung. Nein zur NATO-Denkweise. Nein zur Unterordnung der Gesellschaft unter Militär und Rüstungsgewinn.
Die Kirche als Stützapparat
Das entscheidende Wort der Gegenwart lautet „Widerstandsfähigkeit“. Es bedeutet: Die Gesellschaft soll Schläge aushalten. Lieferwege, Stromnetze, Krankenhäuser, Verwaltungen, Medien, Schulen und Seelen sollen krisenfest werden. Aber krisenfest wofür? Für eine Politik, die Krisen produziert.
Wenn Löhne gedrückt, Krankenhäuser verkauft, Wohnungen verteuert und Ausgaben für das Gemeinwesen gekürzt werden, sollen die Menschen widerstandsfähig sein. Wenn Milliarden in Waffen fließen, sollen sie verzichten. Wenn Krieg zur Möglichkeit des Alltags wird, sollen sie seelisch fest bleiben. Wenn Tote kommen, soll die Kirche trösten.
Das ist die neue Form des alten Opiums: nicht mehr nur Vertröstung auf das Jenseits, sondern Festigung im Diesseits der Vermilitärlichung. Religion wird nicht abgeschafft, sondern nutzbar gemacht. Sie soll helfen, die Bevölkerung kriegstüchtig zu machen, ohne daß das Wort Krieg dauernd ausgesprochen werden muß.
Was eine wirkliche Friedenskirche tun müßte
Eine Kirche, die ernsthaft für Frieden eintritt, müßte mit der Kriegspolitik brechen. Sie müßte Militärseelsorge als Bestandteil der Armee in Frage stellen. Sie müßte Rüstungshaushalte, Waffenausfuhren, NATO-Übungen, Feindbildmacherei und Kürzungen am Gemeinwesen für Aufrüstung öffentlich angreifen. Sie müßte die Opfer der Politik der Großmächte nicht nur beweinen, sondern die Täter benennen.
Sie müßte den Mut haben, die eigene Geschichte offenzulegen: Kolonialmission, Antikommunismus, Nähe zu Staat und Militär, Versagen gegenüber Faschismus und Krieg. Sie müßte auf Vorrechte verzichten, wo diese sie an die herrschende Ordnung ketten. Sie müßte nicht „Ruhe und Ordnung“ im Ernstfall sichern, sondern Unruhe gegen die Kriegstreiber organisieren.
Vor allem müßte sie begreifen: Frieden ist keine seelsorgerische Stimmung. Frieden ist eine gesellschaftliche Machtfrage. Solange Großunternehmen, Rüstungskapital, Kriegsblöcke und weltweiter Zugriff der Großmächte die Welt beherrschen, bleibt Krieg kein Betriebsunfall, sondern eine wiederkehrende Form der Politik.
Die Aufgabe der Linken
Die Linke darf den Kampf gegen Krieg nicht an Kirchenleitungen, staatliche Gedenkfeiern oder moralische Aufrufe abgeben. Sie muß die wirtschaftlichen Ursachen offenlegen, die Nutznießer benennen und die Verbindung von Kürzungen am Gemeinwesen und Aufrüstung sichtbar machen. Sie muß in Betrieben, Schulen, Stadtteilen und Gewerkschaften erklären: Jeder Euro für Panzer fehlt bei Wohnungen, Krankenhäusern, Löhnen, Pflege, Bildung und Kultur.
Sie muß zugleich mit gläubigen Menschen zusammenarbeiten, die ernsthaft gegen Krieg und Faschismus stehen. Der Gegner ist nicht der Arbeiter, der betet. Der Gegner ist der Apparat, der seinen Glauben in Gehorsam verwandeln will. Der Gegner ist das Bündnis aus Kapital, Staat, Kriegsbündnis, Mediengewalt und kirchlicher Rechtfertigung.
Entgiftung heißt Befreiung
Religion als Opium des Volkes zu kritisieren heißt heute: die Betäubungsstoffe der Kriegsgesellschaft sichtbar zu machen. Das Opium heißt nicht nur Jenseitsvertröstung. Es heißt auch staatliche Sicherheit, Bündnispflicht, angeblich menschlicher Eingriff, gerechter Frieden, Widerstandsfähigkeit, Krisenseelsorge und Opferbereitschaft.
Die herrschende Ordnung will Menschen erst ausbeuten, dann verängstigen, dann mobilisieren und schließlich trösten. Eine befreite Gesellschaft muß diesen Kreislauf zerbrechen. Sie braucht keine Seelsorge für Kriege der Großmächte, sondern eine Bewegung, die Kriege verhindert. Sie braucht keine moralische Salbung der Opfer, sondern die politische Entmachtung der Nutznießer.
Die Artikelserie endet deshalb nicht mit einem Appell an die Kirchen, besser zu werden: Nicht Trost verwalten, sondern die Ursachen des Leidens beseitigen. Sie endet mit einer Aufgabe an die Unterdrückten und Ausgebeuteten: Organisiert euch gegen Krieg und Herrschaft des Kapitals. Reißt die frommen Schleier von den Interessen der Mächtigen. Kämpft für eine Welt, in der Menschen keinen Trost für vermeidbares Elend mehr brauchen, weil sie die Ursachen dieses Elends beseitigt haben.

Kommentare
Kommentar veröffentlichen