85 Jahren Blockade von Leningrad
Leningrad: Der Hunger war die Waffe
Am 8. September 1941 begann die faschistische deutsche Wehrmacht die
Blockade Leningrads. Die eingeschlossene Bevölkerung sollte durch Hunger
vernichtet werden: Die NS-Führung verband ihren rassistischen Eroberungskrieg
mit der planmäßigen Zerstörung menschlicher Lebensgrundlagen. 85 Jahre später
erinnert Leningrad an ein deutsches Massenverbrechen – und an Menschen, die
sich seiner tödlichen Logik mit militärischem Widerstand, Arbeit und
gegenseitiger Hilfe widersetzten.
Mit der Einnahme Schlüsselburgs am Ladogasee schnitten
deutsche Truppen die letzten Landverbindungen Leningrads zum übrigen
sowjetischen Gebiet ab. Im Norden standen finnische Verbände, die ebenfalls
gegen die Sowjetunion Krieg führten. Rund zweieinhalb Millionen Einwohner waren
eingeschlossen. Die Wehrmacht hatte eine Großstadt von ihren Versorgungswegen
getrennt und setzte ihre Bewohner zugleich Luftangriffen und Artilleriebeschuss
aus.
Bis zur vollständigen Befreiung am 27. Januar 1944 vergingen
872 Tage. Die Angaben zur Zahl der getöteten Einwohner unterscheiden sich:
Historische Darstellungen nennen zwischen 800.000 und 1,1 Millionen Tote.
Überwiegend starben die Menschen an Hunger und seinen Folgen. Die Unterschiede
rechtfertigen keine Verkleinerung des Verbrechens; sie verlangen einen
sorgfältigen Umgang mit Zahlen, hinter denen jeweils ein vernichtetes Leben
steht.
Eine Bevölkerung sollte verschwinden
Die deutsche Führung wollte in Leningrad weit mehr als einen
militärischen Stützpunkt ausschalten. Die Stadt besaß für die
Nationalsozialisten auch als Ausgangspunkt der Oktoberrevolution besondere
Bedeutung. Ihr Vernichtungswille richtete sich gegen eine ganze städtische
Gesellschaft. Arbeiter, Kinder, Alte und Kranke wurden zu Menschen erklärt,
deren Weiterleben in der geplanten deutschen Herrschaftsordnung keinen Platz
hatte.
Eine geheime Direktive des Stabes der Kriegsmarine vom 22.
September 1941 hielt fest, dass Bitten um Übergabe abzuweisen seien. Die
deutsche Seite beanspruchte, weder für die Ernährung der Bevölkerung zuständig
zu sein noch Interesse an ihrem Fortbestand zu haben. Damit entfällt die
beschönigende Deutung, die Blockade habe lediglich eine Kapitulation erzwingen
sollen. Selbst die vorgesehene Antwort auf eine Übergabe war bereits Teil des
Vernichtungsprogramms.
Die Verantwortung dafür lässt sich nicht auf Hitler als
Einzelperson zusammenschieben. Seine Absichten wurden durch militärische
Befehle und den Einsatz regulärer Verbände wirksam. Die Wehrmacht hielt die
Einschließung aufrecht, beschoss die Stadt und bekämpfte ihre Versorgung. Das
Verbrechen bestand gerade darin, die Bevölkerung über lange Zeit Bedingungen
auszusetzen, unter denen massenhaftes Sterben vorhersehbar war. Die Entfernung
zwischen Geschützstellung und Sterbezimmer änderte nichts am Zusammenhang
zwischen militärischer Handlung und zivilem Tod.
Die Blockade war damit kein bedauerlicher Auswuchs des
Krieges, sondern eine bewusst organisierte Klassen- und Rassenpolitik. Die
deutsche Führung entschied, welche Menschen versorgt und welche dem Tod
überlassen werden sollten. Der Wert eines Lebens wurde nach nationaler
Zugehörigkeit, politischer Feindschaft und ökonomischer Verwertbarkeit
bemessen. Leningrad sollte nicht nur militärisch besiegt, sondern als
sozialistische Großstadt gebrochen werden.
Die politische Ökonomie des Hungertodes
Leningrad gehörte in den Zusammenhang eines Krieges, dessen
wirtschaftliche Planung Menschenleben von Anfang an als verfügbares Material
behandelte. Bereits am 2. Mai 1941, Wochen vor dem deutschen Überfall auf die
Sowjetunion, wurde bei einer Besprechung zur Vorbereitung des Feldzugs
festgehalten, dass die Versorgung der Wehrmacht aus sowjetischen Gebieten den
Hungertod vieler Millionen Menschen nach sich ziehen werde. Der erwartete
Massenhunger war damit vor Kriegsbeginn Bestandteil staatlicher Kalkulation.
An diesen Planungen wirkten militärische Wirtschaftsstellen
und die zuständige Ministerialbürokratie mit. Eine zentrale Rolle spielte der
Ernährungsstaatssekretär Herbert Backe. Die Besatzer sollten Lebensmittel
erhalten, während der Bedarf der einheimischen Bevölkerung zurückstehen musste.
Zugleich wollte die Führung eine Versorgungskrise im Deutschen Reich vermeiden,
die ihre Herrschaft hätte gefährden können. Hunger wurde entlang politischer
und rassistischer Grenzen verteilt.
Die entscheidende Frage lautete deshalb, wer über Ernten,
Transporte und Vorräte verfügen sollte. Die Eroberer beanspruchten diese Mittel
für ihre Kriegführung und die Versorgung des eigenen Landes. Den Menschen in
den überfallenen Gebieten wurde das Recht auf ihre Lebensgrundlagen
abgesprochen. In diesem Zusammenhang lässt sich die Hungerpolitik als
Bestandteil eines imperialistischen Raubkrieges verstehen: Militärische Gewalt
sollte die Verfügung über fremde Ressourcen erzwingen, rassistische Entmenschlichung
den millionenfachen Tod rechtfertigen.
Der Krieg gegen die Sowjetunion war ein Krieg um Land,
Rohstoffe, Arbeitskraft und politische Herrschaft. Die deutsche Bourgeoisie und
ihr Staat wollten die sowjetische Gesellschaft zerschlagen, ihre
Produktionsmittel unter deutsche Kontrolle bringen und die Bevölkerung in eine
rechtlose Arbeitsmasse verwandeln. Der Hunger war dabei kein Mangel, den man
notgedrungen hinnahm. Er war ein Instrument, mit dem die Besatzer die
gesellschaftliche Ordnung des eroberten Landes neu strukturieren wollten: oben
die deutsche Kriegswirtschaft, unten die verhungernde Bevölkerung.
Ausplünderung als Herrschaftsordnung
Die wirtschaftliche Unterwerfung der besetzten Gebiete
umfasste Lebensmittel, Betriebe und Arbeitskräfte. Deutsche Unternehmen suchten
nach Produktionsstätten, die sie übernehmen konnten, errichteten
Niederlassungen und nutzten die entrechtete Bevölkerung als billige
Arbeitskräfte. Firmen meldeten ihren Bedarf an Arbeitskräften an;
Besatzungsbehörden und Arbeitsverwaltung organisierten deren Bereitstellung bis
hin zur Verschleppung ins Reich. Die deutsche Kriegswirtschaft beruhte in
erheblichem Umfang auf Zwangsarbeit.
Ausbeutung und Vernichtung waren dabei miteinander
verflochten. Menschen wurden nach rassistischer Zuschreibung, politischer
Feindschaft und wirtschaftlicher Verwendbarkeit behandelt. Für sowjetische
Kriegsgefangene bedeutete das bereits 1941 massenhaften Tod durch Hunger,
fehlende Unterkünfte, Krankheiten und Erschießungen. Politische und
militärische Führung betrachteten sie als minderwertig und als Hindernisse der
deutschen Expansion.
Daraus folgt keine schematische Gleichsetzung jedes
wirtschaftlichen Interesses mit jedem einzelnen Mordbefehl. Es wird vielmehr
sichtbar, wie staatliche Macht, militärische Gewalt und wirtschaftliche
Aneignung zusammenwirkten. Das Aushungern Leningrads war innerhalb dieses
Krieges eine besonders radikale Form der Entscheidung darüber, wessen
Versorgung gesichert und wessen Existenz ausgelöscht werden sollte. Wer die
Blockade ausschließlich als Schlacht beschreibt, lässt diese
Herrschaftsverhältnisse aus dem Blick.
Die deutsche Kriegswirtschaft war auf die Aneignung fremder
Arbeit angewiesen. Während deutsche Soldaten und Unternehmen Zugriff auf
sowjetische Vorräte erhielten, wurde den Eingeschlossenen das Existenzminimum
verweigert. Das war die Logik des Imperialismus in ihrer brutalsten Form: Die
Bedürfnisse der Eroberer wurden als berechtigt behandelt, die Bedürfnisse der
Beherrschten als überflüssig. Der Tod der anderen erschien in den
Planungsstäben nicht als Katastrophe, sondern als einkalkulierbarer Preis der deutschen
Versorgung.
125 Gramm für einen ganzen Tag
Am 20. November 1941 sanken die täglichen Brotrationen auf
250 Gramm für Arbeiter und 125 Gramm für Angestellte, Kinder und weitere nicht
arbeitende Bezugsgruppen. Das Brot enthielt Ersatzstoffe; sein Gewicht
entsprach keiner ausreichenden Ernährung. Gleichzeitig brachen Wasser- und
Energieversorgung sowie Verkehr zunehmend zusammen. Brennstoff fehlte,
Wohnungen kühlten aus, selbst alltägliche Verrichtungen erforderten Kräfte,
über die immer weniger Menschen verfügten.
Die Lehrerin Jelena Kotschina beschrieb in ihrem Tagebuch
das schwere, feuchte Brot und die verzweifelte Suche nach Ersatznahrung. Ihre
Aufzeichnungen zeigen auch, wie Hunger in Familien eindrang: Vorräte für ein
Kind wurden versteckt, verschwanden dennoch, lösten Verdächtigungen und Streit
aus. Das gemeinsame Leben wurde von der Frage beherrscht, ob die nächste kleine
Menge Nahrung noch bis morgen reichen würde.
Die nach Tätigkeit gestaffelten Rationen sollten die
Arbeitsfähigkeit in der bedrohten Stadt erhalten. Unter den Bedingungen
äußerster Knappheit bedeuteten sie zugleich ungleiche Überlebenschancen.
Besonders gefährdet waren Menschen, die wenig Nahrung erhielten, bereits
geschwächt waren oder niemanden hatten, der ihnen helfen konnte. Die
Verteilungsentscheidungen verdienen eine kritische Betrachtung. Die
Verantwortung für die herbeigeführte Hungerkatastrophe lag bei den Belagerern,
die den Zugang zu ausreichender Versorgung gewaltsam verhinderten.
Auch innerhalb der Stadt wurde Nahrung nach ihrer
ökonomischen Funktion verteilt. Wer in Fabriken, bei der Versorgung oder in der
Verteidigung arbeitete, erhielt mehr; wer nicht arbeiten konnte, war stärker
gefährdet. Diese Differenzierung war unter den Bedingungen des
Überlebenskampfes teilweise notwendig, weil die Stadt ihre Infrastruktur
aufrechterhalten musste. Sie zeigt aber zugleich, wie tief die Logik der
Verwertung in die Lebensverhältnisse eindrang: Der Mensch erschien als
Arbeitskraft, deren Ernährung sich nach ihrem Nutzen für die Kriegsproduktion
bemisst.
Das darf nicht gegen die Eingeschlossenen gewendet werden.
Die sowjetische Bevölkerung hatte den Krieg nicht begonnen und verfügte nicht
über die Ressourcen, die ihr von außen abgeschnitten wurden. Die Rationierung
war eine Reaktion auf die von der deutschen Wehrmacht geschaffene
Vernichtungslage. Verantwortlich für den Hunger waren jene, die die Stadt
einschlossen, ihre Versorgung zerstörten und die Bevölkerung bewusst dem Tod
überließen.
Eine Stadt wird ihrer Lebensgrundlagen beraubt
Die Blockade zerstörte die Voraussetzungen des städtischen
Zusammenlebens. Ohne Brennstoff fehlte Wärme; ohne funktionierende Leitungen
musste Wasser mühsam herangeschafft werden; ohne Verkehr wurden Wege zur Arbeit
oder zur Lebensmittelausgabe zu erschöpfenden Märschen. Menschen zerlegten
Holzbauten und verwendeten brennbares Material aus ihrer Umgebung. Die Not
griff damit auch auf jene Dinge über, die nach der Belagerung wieder ein
normales Leben hätten ermöglichen sollen.
Der Bankbuchhalter Pjotr Kotelnikow hielt fest, wie er
Wasser aus Öffnungen im Flusseis holen musste und zugleich weiter zur Arbeit
ging. Einmal gab er seiner Frau seine Brotration und behauptete, bereits
gegessen zu haben. Im Februar 1942 starb sie. Später beschrieb er das zunehmend
verlassene Wohnhaus, das er trotz seiner Einsamkeit instand halten wollte – für
diejenigen, die vielleicht zurückkehren würden.
Solche Erfahrungen zeigen die Reichweite des Verbrechens
genauer als eine rein militärische Chronik. Der Angriff traf Beziehungen
zwischen Menschen, ihre Wohnungen, ihre Arbeit und die Möglichkeit, füreinander
zu sorgen. Wer selbst kaum stehen konnte, konnte einen Kranken nicht mehr
tragen. Wer beim Wasserholen zusammenbrach, fehlte zu Hause. Die bewusst
erzeugte Mangellage vervielfachte ihre Opfer durch den Zusammenbruch jener
alltäglichen Hilfe, von der eine Stadt lebt.
Die Zerstörung der Infrastruktur war zugleich eine
Zerstörung gesellschaftlicher Reproduktion. Wasser, Wärme, Transport, Pflege
und Nahrung sind keine nebensächlichen Dienstleistungen, sondern die
materiellen Voraussetzungen dafür, dass Menschen überhaupt leben und arbeiten
können. Indem die Wehrmacht diese Grundlagen angriff, griff sie die gesamte
soziale Existenz der Stadt an. Der Hunger traf nicht nur einzelne Körper; er
zerriss die Netze, in denen eine arbeitsteilige Gesellschaft ihre Mitglieder
erhält.
Solidarität unter äußerstem Druck
Dennoch verschwand die gegenseitige Hilfe nicht.
Jugendbrigaden brachten entkräftete Menschen in Krankenhäuser. In Stadtbezirken
wurde heißes Wasser ausgegeben. Menschen unterstützten Gestürzte oder
übernahmen Besorgungen für andere. Diese Handlungen konnten den Mangel nicht
beseitigen, aber für einzelne Menschen über Leben und Tod entscheiden.
Kotschina schilderte eine Begegnung vor einem
Lebensmittelgeschäft: Eine ältere Frau ließ sie in eine Gruppe von Wartenden
vorrücken, die gerade eingelassen wurde, nachdem sie von Kotschinas kleinem
Kind erfahren hatte. Die Helferin selbst musste draußen bleiben. Am selben Tag
überraschte die Lehrerin eine zugestellte Nachricht. Dass jemand noch Adressen
suchte und durch die Stadt ging, um Post zu überbringen, machte ihr bewusst,
dass gesellschaftliche Verbindungen weiterbestanden.
Solche Hilfe darf nicht nachträglich zur Pflicht der
Hungernden erklärt werden. Niemand musste unter diesen Bedingungen moralische
Größe beweisen, um Anspruch auf Mitgefühl zu haben. Verzweiflung, Rückzug und
der Kampf um das eigene Essen gehören ebenso zur Geschichte der Blockade wie
Selbstlosigkeit. Die Würde der Opfer hing nicht davon ab, wie viel sie noch für
andere leisten konnten.
Gleichwohl lag in der fortgesetzten Zusammenarbeit eine
materielle Kraft des Widerstands. Die Stadt brauchte Menschen, die Lasten
transportierten, Reparaturen ausführten und füreinander einstanden. Ihre Arbeit
verband die Verteidigung mit dem Alltag. Der Widerstand Leningrads lässt sich
deshalb weder auf militärische Führung noch auf einen abstrakten
Durchhaltewillen reduzieren.
Diese Solidarität war keine sentimentale Zugabe zur
Geschichte, sondern eine soziale Gegenmacht gegen die atomisierende Wirkung des
Hungers. Die deutsche Strategie zielte darauf, Menschen voneinander zu
isolieren und sie auf den Kampf jedes Einzelnen um die nächste Brotration
zurückzuwerfen. Wo Menschen teilten, pflegten, transportierten und gemeinsam
arbeiteten, widersetzten sie sich dieser Logik. Sie verteidigten damit nicht
nur einzelne Leben, sondern die Möglichkeit einer Gesellschaft, die nicht vollständig
dem Konkurrenzkampf ums Überleben unterworfen war.
Über den Ladogasee am Leben gehalten
Der Ladogasee eröffnete einen lebenswichtigen Zugang zur
eingeschlossenen Stadt. Besonders bekannt wurde die winterliche Eisstraße, über
die Lastwagen Versorgungsgüter brachten und Menschen evakuiert wurden. Die
Strecke war durch deutsche Angriffe und unsicheres Eis gefährdet. Fahrzeuge
konnten einbrechen, Transporte verloren gehen. Für Hunderttausende wurde diese
Verbindung dennoch zum Weg aus der belagerten Stadt.
Die Lieferungen reichten zunächst bei weitem nicht aus, um
die Bevölkerung angemessen zu ernähren. Zugleich zerstörten Luftangriffe und
Artilleriebeschuss immer wieder Nachschub und Versorgungseinrichtungen. Auch
Wohnviertel, Schulen und Krankenhäuser wurden getroffen. Der Hunger lässt sich
daher nicht als isoliertes Versorgungsproblem behandeln: Er wurde durch die
fortgesetzte militärische Gewalt verschärft.
Die Verbindung über den See zeigt, was organisierte
Versorgung unter diesen Bedingungen bedeutete. Lebensmittel mussten die Stadt
tatsächlich erreichen, Entkräftete mussten abtransportiert werden, Fahrzeuge
und Wege mussten verfügbar bleiben. Zwischen einem vorhandenen Vorrat außerhalb
des Belagerungsrings und einer Mahlzeit innerhalb der Stadt lag eine
gefährliche Transportleistung. Das Überleben hing von dieser Arbeit ebenso ab
wie von der militärischen Sicherung der Zugänge.
Die Eisstraße war ein Symbol dafür, dass Versorgung nicht
automatisch aus Märkten und privaten Vorräten entsteht. Sie musste kollektiv
organisiert, technisch ermöglicht und militärisch verteidigt werden.
Lastwagenfahrer, Eisenbahner, Seeleute, Arbeiterinnen und Arbeiter setzten ihre
Kräfte gegen eine Kriegsmaschine ein, die ihnen genau diese Lebensgrundlagen
verweigern wollte. In ihrer Arbeit zeigte sich praktisch, dass
gesellschaftliche Planung unter den Bedingungen des Krieges über Leben und Tod
entscheiden konnte.
Die Stadt behielt ihre Stimme
Auch das kulturelle Leben wurde unter der Blockade
fortgesetzt. Olga Bergolz beschrieb die Arbeit des Leningrader Rundfunks,
dessen Mitarbeiter selbst hungerten und Kollegen verloren. Sendungen
vermittelten Nachrichten und ließen Soldaten, Arbeiter, Wissenschaftler und
Künstler zu Wort kommen. Über die Weiterverbreitung ihrer Beiträge konnte das
übrige Land hören, dass Leningrad noch Widerstand leistete.
Darin lag eine politische Bedeutung, die über die
Aufrechterhaltung von Zuversicht hinausging. Die Eingeschlossenen blieben als
sprechende und handelnde Menschen öffentlich wahrnehmbar. Ihre Stadt wurde
nicht ausschließlich von den Angreifern beschrieben. Musik, Berichte und
Gedichte bewahrten Verbindungen zwischen Menschen, die räumlich voneinander
getrennt und vom Tod bedroht waren.
Dabei wäre es falsch, aus dem Weiterbestehen solcher
Tätigkeiten auf einen erträglichen Alltag zu schließen. Bergolz schilderte
gerade das Nebeneinander von kultureller Arbeit und körperlichem Verfall.
Staatliche und parteiliche Mobilisierung verband sich zudem mit Druck: Gegen
Menschen, denen Defätismus, Diebstahl oder Zusammenarbeit mit dem Feind
vorgeworfen wurde, gingen die Behörden hart vor.
Eine ernsthafte Würdigung des Widerstands hält diese
Spannungen aus. Sie braucht keine makellosen Helden, sondern nimmt Menschen
wahr, die unter Zwangslagen arbeiteten, zweifelten und weiterlebten.
Die Rundfunkarbeit war zugleich ein Kampf um die
Deutungshoheit. Die deutsche Propaganda wollte die sowjetische Stadt als
besiegt, isoliert und dem Untergang geweiht erscheinen lassen. Jede Sendung,
jedes Konzert und jeder Bericht widersprach dieser Behauptung. Kultur war hier
nicht Flucht aus der materiellen Wirklichkeit, sondern Teil des politischen
Kampfes um die Frage, ob die Belagerten als handelnde Subjekte sichtbar
blieben.
Die Befreiung musste erkämpft werden
Am 12. Januar 1943 begann die sowjetische Operation Iskra.
Truppen der Leningrader und der Wolchow-Front griffen die deutschen Stellungen
südlich des Ladogasees an. Die Baltische Flotte unterstützte den Angriff. Am
18. Januar gelang die Verbindung der vorstoßenden Verbände: Der Belagerungsring
war an dieser Stelle durchbrochen. Damit entstand die Möglichkeit, eine neue
Landverbindung aufzubauen.
Unmittelbar danach begann der Bau einer Eisenbahnstrecke
durch das befreite Gebiet. In nur 18 Tagen entstanden mehr als 30 Kilometer
Gleise, Bahnanlagen und Brücken. Am 7. Februar 1943 erreichte der erste direkte
Zug über die neue Verbindung den Finnischen Bahnhof. Der militärische Erfolg
wurde durch die Arbeit der Eisenbahner in eine bessere Versorgung übersetzt.
Der Durchbruch vom Januar 1943 bedeutete allerdings noch
nicht das Ende der Belagerung. Erst ein weiteres Jahr später, am 27. Januar
1944, war Leningrad vollständig befreit. Diese Unterscheidung ist wesentlich:
Die Öffnung eines Zugangs und die endgültige Beseitigung der deutschen
Bedrohung waren zwei verschiedene Schritte.
Die Rote Armee beendete damit einen Zustand, den die
deutsche Führung bewusst aufrechterhalten hatte. Die Menschen der Stadt
verdankten ihre Befreiung keinem Einlenken der Belagerer. Sie wurde gegen deren
Widerstand erkämpft. Die militärische Leistung und die Arbeit der
Zivilbevölkerung gehören in dieser Geschichte zusammen.
Die Befreiung war deshalb nicht das Ergebnis eines
moralischen Erwachens der deutschen Seite, sondern eines militärischen Sieges
über den deutschen Imperialismus. Die Blockade endete, weil die sowjetischen
Streitkräfte die Front durchbrachen und die deutsche Armee zurückdrängten. Wer
diesen Zusammenhang verwischt, macht aus einem erkämpften Sieg eine bloße
historische Wendung. Für die Eingeschlossenen war die Befreiung die konkrete
Aufhebung eines Gewaltverhältnisses.
Erinnerung verlangt deutsche Verantwortung
In der westdeutschen Öffentlichkeit blieb die Blockade lange
hinter militärischen Erzählungen zurück. Eine solche Sicht erleichterte es,
reguläre Kriegführung und nationalsozialistische Verbrechen gedanklich zu
trennen. Leningrad widerlegt diese Trennung: Die militärische Operation selbst
war das Mittel des Massenverbrechens.
Ebenso wenig darf eine Erinnerung, die den Sieg würdigt, das
Leiden in einem nachträglich sinnvollen Opfer aufgehen lassen. Die Menschen
starben nicht, damit spätere Generationen eine erhabene Geschichte erzählen
konnten. Sie wollten essen, arbeiten, ihre Angehörigen behalten und leben. Der
Sieg setzte dem Verbrechen ein Ende; er machte die verlorenen Leben nicht
ersetzbar.
Zum 80. Jahrestag der vollständigen Befreiung nahmen 2024
auch der deutsche Botschafter und Vertreter des Volksbundes am Gedenken in
Sankt Petersburg teil. Begegnungen mit Besucherinnen und Besuchern des
Friedhofs, die an ihren Angehörigen festhielten und zugleich das Gespräch mit
Deutschen suchten, zeigen, dass Anerkennung deutscher Verantwortung eine
konkrete Beziehung zu den Menschen und ihrer Geschichte verlangt.
85 Jahre nach Beginn der Blockade bleibt deshalb eine klare
Verpflichtung: die Täter benennen, die wirtschaftlichen und politischen Zwecke
ihres Handelns offenlegen und den Widerstand der Bedrohten würdigen. Eine
antiimperialistische Erinnerung verteidigt das Recht der Menschen auf ihre
Lebensgrundlagen gegen staatliche Eroberungs- und Herrschaftsansprüche.
Leningrad zeigt, was geschieht, wenn eine Macht sich anmaßt, über das
Existenzrecht einer ganzen Bevölkerung zu verfügen. Das Gedenken muss auf der Seite
jener stehen, deren Leben diesem Anspruch geopfert werden sollte.
Marxistisch zugespitzt heißt das: Der Hunger von Leningrad
war nicht die Folge einer abstrakten menschlichen Bosheit und auch nicht bloß
das Ergebnis militärischer Fehlentscheidungen. Er war Ausdruck einer
imperialistischen Klassenherrschaft, die fremdes Land, fremde Arbeit und fremde
Lebensmittel für die eigene Kriegsordnung beanspruchte. Der deutsche Faschismus
war die politische Form, in der sich diese Interessen mit rassistischer
Vernichtungsideologie verbanden. Die Wehrmacht war ihr bewaffnetes Instrument,
die Verwaltung ihr organisatorischer Apparat, die Unternehmen ihre ökonomischen
Nutznießer.
Dem stand die sowjetische Gesellschaft gegenüber: nicht frei
von Widersprüchen, aber getragen von kollektiver Arbeit, staatlich
organisierter Versorgung und militärischer Verteidigung. Die Menschen
Leningrads überlebten nicht durch individuelle Anpassung an den Markt, sondern
durch gemeinsame Anstrengung gegen eine Ordnung, die sie vernichten wollte.
Ihre Solidarität, ihre Arbeit und ihr Widerstand waren die praktische Antwort
auf die kapitalistische Logik des Krieges.
Die Lehre aus Leningrad lautet daher nicht nur, dass
deutsche Verbrechen erinnert werden müssen. Sie lautet auch, dass Hunger, Krieg
und Ausbeutung politisch gemacht werden. Wer über Ressourcen verfügt,
entscheidet über Leben und Tod. Wer Eigentum, Staat und Militär zur Eroberung
fremder Gesellschaften einsetzt, produziert die Bedingungen, unter denen
Millionen verhungern. Gegen diese Ordnung hilft keine bloße moralische
Empörung. Nötig ist die Organisierung derjenigen, deren Leben von
imperialistischer Gewalt bedroht wird.
Leningrad erinnert an ein Verbrechen – und an die
Möglichkeit, sich ihm entgegenzustellen. Die Stadt wurde nicht durch die Gnade
der Belagerer gerettet, sondern durch den Widerstand der Bevölkerung und den
Sieg der Roten Armee. Ihr Überleben war eine Niederlage der deutschen
Vernichtungspläne. Darin liegt die politische Bedeutung des Gedenkens: Es muss
nicht nur trauern, sondern Partei ergreifen – für die Ausgebeuteten, gegen
Imperialismus und Krieg, für eine Gesellschaft, in der Nahrung, Arbeit und Sicherheit
nicht länger Mittel der Herrschaft sind.


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